Berlin : Das Gefängnis: Heilsam für Wichtigtuer?

Der Leiter der Justizvollzugsanstalt Tegel hält den Kirchenstörer Roy für lernfähig – wenn er die öffentliche Aufmerksamkeit verliert

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Bislang konnten weder Geldstrafen noch die Aussicht aufs Gefängnis die notorischen Kirchenstörer Andreas Roy und Christian Arnold von ihrem Treiben abhalten. Bereits vor Monaten kündigten Roy und sein Mitstreiter im Gerichtssaal an: Das Gefängnis kann sie als Strafe nicht schrecken, schließlich sei auch Jesus für sie „ans Kreuz gegangen“. Klaus LangeLehngut, Chef der Justizvollzugsanstalt Tegel, glaubt nicht, dass Roy & Co diese Rolle im Gefängnisalltag lange durchhalten können.

Das Gefängnis als Strafe scheint Kirchenstörer Roy nicht im geringsten zu schrecken. Würde er in Ihrer Anstalt auf viele Gleichgesinnte treffen?

Glücklicherweise sind solche Fälle eher selten. Wenn zwei Dinge zusammenwirken, haben wir allerdings nur geringe Einflussmöglichkeiten auf die Täter: Erstens, wenn die Strafe sehr kurz ist, sich also nur auf wenige Monate beläuft. Und wenn es sich zweitens um Überzeugungstäter handelt. Kommt beides zusammen, können wir in der Haftanstalt in der Regel nur wenig erreichen.

Bei Roy könnte sich die Haftstrafe summieren: sechs Monate für mehrere gestörte Gottesdienste in Berlin, fünf Monate für den Mainzer Dom, dazu kommen noch zwei laufende Verfahren…

Das ist ja schon etwas, und darin liegt unsere Chance: Wenn die Verurteilten erst einmal ein paar Wochen hier sind, merken sie, dass sie nicht mehr die Aufmerksamkeit genießen, die sie draußen hatten. Sie müssen sich nach den Regeln in der Anstalt richten, stehen nicht mehr jeden Tag in der Zeitung. Erst kürzlich ist Roy draußen mit einem Kamerateam aufgetaucht, um vor dem Gefängnistor ein Interview zu geben. Diese Wichtigkeit geht sofort verloren, wenn die Straftäter zu uns in die Anstalt kommen.

In Tegel saß schon mancher Prominenter seine Strafe ab: Kaufhauserpresser Dagobert beispielsweise, Boxerlegende Bubi Scholz, Politclown Dieter Kunzelmann, der Boxer Graciano Rocchigiani.

Ich kenne kaum Fälle, bei denen jemand die Rolle, die er draußen gespielt hat, hier durchgehalten hat. Auf manche wirkt es wie ein Schock, dass sie nicht mehr so wichtig sind. Auch Herrn Roy und seinen Mitstreiter nimmt hier doch kein Mensch mehr ernst. Die Mitgefangenen sehen die beiden nicht als Helden, sondern als Komiker. Nur der Anstaltspfarrer wird aufpassen müssen, dass sie ihm nicht den Gottesdienst kaputtmachen.

Also, stellen wir uns mal vor: Roy muss ein Jahr lang sitzen und gerät langsam in Vergessenheit.

Dann besteht die Chance, dass die Häftlinge nachdenklich werden. Wenn den Insassen dämmert, dass sie weder im Gefängnis noch später wieder in Freiheit diesen Status genießen werden. Das ist der Zeitpunkt, wo unsere Mitarbeiter versuchen, Einfluss zu nehmen. Grundsätzlich gilt: Der Mensch ist lernfähig und damit ist jeder veränderbar. Auch, wenn man vorher glaubt, dass die Chancen eher schlecht stehen.

Roy scheint eher eine harte Nuss zu sein. Sollte man seine Strafen sammeln, damit er nach ein paar Monaten nicht gleich wieder auf freien Fuß gelassen wird?

Das wäre sicherlich das Vernünftigste.

Roy gefällt sich als Märtyrer. Finden auch andere Häftlinge am Gefängnis ein gewisses Vergnügen?

Es gibt Langstrafler, die sich schwer vom Vollzug lösen können. Wenn die Häftlinge über viele Jahre beziehungsweise über Jahrzehnte hier saßen, ist die Welt draußen für viele fremd und beängstigend geworden. Es gibt Leute, die der Anstalt dann ganz außerordentlich verbunden sind – auch, wenn sie es nie offen zugeben würden. Denen es vielleicht gar nicht unrecht wäre, wenn sie bei einer Straftat wieder erwischt werden. Hier in der Anstalt beherrschen sie wenigstens die Regeln.

Vielleicht ist das des Pudels Kern: Roy saß ja schließlich schon einmal sechs Jahre wegen schweren Raubes.

Eher unwahrscheinlich. Die Verurteilung ist ja bereits 20 Jahre her.

Das Gespräch führte Katja Füchsel.

Klaus Lange-Lehngut

ist Leiter der

Justizvollzugsanstalt Tegel. Der leitende

Regierungsdirektor ist verantwortlich für rund 1700 Häftlinge, die derzeit in dem Gefängnis einsitzen.

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