Berlin : Das Gefühl für die Spitze

Beim traditionellen Frühlingsturnier in Schöneberg ist gut zu beobachten, was ein Degenfechter alles können muss

Jörg Petrasch

Berlin. Die Klinge kann nichts dafür, und trotzdem bekommt sie die Wut von Toni Kneist zu spüren. Der Fechter stößt seinen Degen nach einer misslungenen Aktion mit voller Wucht auf den Hallenboden. Die Klinge knickt ab, Kneist schüttelt verärgert den Kopf. Sein Gesichtsausdruck ist unter der Maske nicht zu sehen, aber doch zu erahnen. Dann nimmt der junge Mann vom SC Berlin seinen Degen, biegt ihn gerade und wendet sich wieder seinem Gegner zu. „Der Toni braucht jede Woche eine neue Klinge“, sagt sein Vereinskamerad Ulf Weidemann. Normalerweise hält so eine Klinge zwei Monate.

Am Sonntag fand in der Sporthalle an der Münchner Straße in Schöneberg das OSC-Frühlingsturnier in der Disziplin „Herrendegen“ statt. Während draußen die Sonne schien, kämpften drinnen 27 Teilnehmer um Punkte für die Berliner Rangliste. Die wiederum entscheidet über die Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften. Die Atmosphäre ist entspannt. Die Fechter kennen sich untereinander.

Auf der 14 Meter langen und eineinhalb Meter breiten Bahn werden sie allerdings zu Gegnern. Sie belauern sich, tänzeln und wippen, bis dann plötzlich ein Fechter einen Angriff startet. Blitzschnell. Im Gegensatz zum Florett, bei dem nur der Rumpf und Rücken getroffen werden darf, zählt beim Degenfechten der ganze Körper zur Trefferfläche, von der Maske bis zum Turnschuh. Der erste, der trifft, bekommt den Punkt. Das ist anders als beim Florett, wo nur der punktet, der zuerst angreift oder pariert und dann seinen Gegenangriff startet. Das führt beim Degen dazu, „dass die Fechter lange abwarten und dann versuchen, einen Treffer zu klauen“, sagt Adam Robak, Trainer des OSC Berlin. Letztlich geht es darum, ständig in Bewegung zu bleiben und den Gegner zu überraschen.

Und doch ist das nicht so einfach. Neben der Athletik, Kondition und dem Reaktionsvermögen spielt vor allem die psychische Stärke eine wichtige Rolle. Fechten ist archaischer Kampf – Mann gegen Mann. So ähnlich sieht es auch Toni Kneist vom SC Berlin: „Was zählt, ist allein der Sieg.“ Und das gelingt ihm gut. Kneist ist Mitglied des deutschen Juniorennationalkaders.

Das ist der 18-Jährige nicht zuletzt deswegen, weil er technisch nicht immer nach den Regeln kämpft. Sein Stil ist für den Gegner schwer berechenbar. „Man entwickelt mit der Zeit einen eigenen Fechtstil, das ist wie eine Handschrift“, sagt Kneist. Dafür trainiert er viermal in der Woche, und das bis zu vier Stunden. Das Wichtigste aber bleibt für einen Degenfechter noch immer die Erfahrung.

So kann man beim Fechten auch mit mehr als 30 Jahren zur Weltspitze gehören. Die Erfahrung und das Gefühl für die Klinge können die nachlassende Reaktion ausgleichen. Fechten ist eine Kombination von Dynamik und Feingefühl. Das Feingefühl konzentriert sich auf die Spitze der Stichwaffe, die mit einem Druck von 750 Gramm den Gegner treffen muss. „Ein Fechter muss das Gefühl für die Spitze haben“, sagt Weidemann. Ein guter Fechter trifft eine Fliege an der Wand. Ein sehr guter trifft sie im Flug.

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