Berlin : Das Geheimnis der Gebärenden

Die Vergangenheit verfolgt sie. Was sucht Kyra, die Rumänin aus New York, in Berlin? Die vierte Geschichte – von einer, die geheilt werden möchte

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Hej, Junge, du frierst ja“, sagte Jürgen Schulze mit belegter Stimme, als Jonas aufgehört hatte sich auszumalen, wie seine Eltern wieder zusammenfinden würden, vereint in der Sorge um ihren verschwundenen Sohn. Schulze zog seine Strickjacke aus, legte sie Jonas um die Schultern und zog ihn zu sich heran. „Verdammte Klimaanlage, viel zu kalt eingestellt“, schimpfte er und versuchte rotzig zu klingen. Aber die anderen sahen ihm an, woran er dachte: an seine beiden Gören, die mit der sauberen Gattin in Kanada saßen und nicht mal mit ihrem Vater telefonieren durften.

Es war tatsächlich kühl in der SüdseeAbteilung; die Klimaanlage rauschte wie der pazifische Ozean an einem windstillen Tag gleichmäßig aber tückisch vor sich hin. Ida Meier fröstelte; Professor Bernstein vertrat sich kurz die vom Schneidersitz geplagten Beine. Die dunkelhaarige Frau mit den Ringen unter den Augen blickte noch trauriger als zuvor. Sie hatte bisher kein einziges Wort gesagt, obwohl die Gruppe inzwischen fast zwei Stunden beieinander saß. Aber jetzt begann sie unvermittelt zu sprechen. D.N.

„Er hat am Telefon gesagt, ich soll vor der Gebärenden auf ihn warten. Und nun ist er noch nicht da. Ich fühle mich eingeengt und unglücklich, als wäre ich wieder in diesem Land, aus dem ich vor langer Zeit geflohen bin. Als wäre ich wieder in dieser Stadt, die ich nicht mehr ertragen konnte. Die sich Bucuresti nannte. Das Wort kommt von Bucurie, und das heißt Freude. Nur an Freude konnte sich keiner mehr erinnern. In meiner Familie erinnerte man sich nur an die Angst und an die Bedrohung, ein feindliches Element genannt zu werden. Angst, zur Resozialisation in die unendlichen Baragan-Felder geschickt zu werden.

Als Großmutter gestorben war, sagte meine Mutter, jetzt gibt es nichts mehr, das uns hier hält. Wir hatten uns seit meiner Kindheit auf die Ausreise vorbereitet. Im Geheimen lernten wir Englisch. Mein Vater brachte mir Italienisch und Deutsch bei. Und eines Tages war es so weit. Wir hatten endlich alle Genehmigungen bekommen. Und da es unendliche Jahre gedauert und so viele Demütigungen gekostet hatte, wussten wir gar nicht mehr, ob wir uns darüber freuen sollten. Oder ob das nur eine Falle war und wir am Morgen, bevor wir in den Zug einsteigen Richtung Italien, um im Flüchtlingslager auf unsere Einwanderungspapiere zu warten, nicht doch noch verhaftet werden. Als gefährliche Vaterlandsverräter.

Wir wollten nach Amerika. Wir wollten in das Land der Freiheit. Nach New York. Nur nach New York. Meine Eltern haben sich auch später nie von New York entfernt. Sie wollten so nah wie möglich an der Statue sein. So nah an dieser überwältigenden Frau, die alle begrüßt, wenn sie mit dem Schiff ankommen. So sagte meine Mutter. Und mein Vater sagte, wenigstens eine, die uns willkommen heißt. Und Dumitru sagte nichts. Sein Gesicht war verzerrt.

Dumitru sollte meinetwegen mitkommen. Weil er mich so sehr liebe. Deswegen haben wir noch schnell geheiratet. Mir war das Heiraten egal. Ich wollte keinen Mann. Mutter sagte, er ist so lieb zu dir, und er verdient auch gut. Ich aber empfand in seiner Nähe etwas, das ich nicht benennen konnte. Ein Ziehen im Magen, meine Hände wurden kalt und im Nacken spürte ich einen Biss, der mir die Schultern verkrampfte. Ein Herzrasen, das ich mir später als Liebe habe einreden lassen.

Wir wollten alle ausreisen. Emigrieren. Verschwinden. Fliehen. Wir wollten, koste es was es wolle, raus aus diesem Land, das unserer Familie alles weggenommen hatte. Die Papierfabrik in Busteni. Das Landhaus meiner Großeltern in Siebenbürgen. Die Villa meines Großvaters am Schwarzen Meer. Die Villa der Tante in Sinaia. Unser Familienhaus in Bukarest. Das Land, das uns, damals sechs Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlichen Geschlechts, von unterschiedlichen Krankheiten befallen, in einem einzigen Zimmer eingepfercht hatte. Sechs Menschen zusammen mit dem Flügel meines Vaters, von dem er sich niemals trennen wollte. Nicht einmal in den schwierigsten Zeiten in Bukarest, als einer von der Partei ihn uns für seine Gören abschwatzen wollte. Und das alles, meinte man bei der Partei, sollten wir noch als Glück begreifen. Denn Leute wie wir, klassenfeindliche bourgeoise Elemente, gehören ausgerottet.

Ich studierte Medizin und wollte Kinderärztin werden. Ich wollte auch selbst viele Kinder haben. Aber daraus wurde nichts. Mitru hat immer mir die Schuld gegeben. Und ich habe sie auf mich genommen in der Öffentlichkeit. Damit er nicht verletzt wird. Ausgelacht. Denn ein Mann, der keine Kinder haben konnte, war kein richtiger Mann in der Welt, aus der ich kam. Deinetwegen haben wir keine Kinder, sagte er manchmal. Du bist kein Weib. Du bist ein Stein. Eine leere Höhle. Nur einmal habe ich ihm in die Augen geschaut und gesagt: Mein Kind hat nur drei Tage gelebt. Damals gab es dich nicht in meinem Leben. Und er sagte: das sollst du lieber mit ins Grab nehmen, du Schlampe. Danach hat er mich aber nie mehr beschuldigt.

Mitru sagte, er würde mich lieben. Ich habe alles ertragen, jahrelang. Immer wieder habe ich von meinem Schmuck etwas verkauft und seine Schulden bezahlt. Ich habe die Trunksucht übersehen, die Spielsucht als verspätete Kindheit angesehen. Die Verletzungen heruntergespielt. Seinen Betrug entschuldigt. Nur weil er mir damals gefolgt ist. Weil er sich für unsere Liebe geopfert hatte. Bis ich einmal durch Zufall ein Gespräch mithörte. Zu Befehl, sagte er am Ende. Das werde ich auch noch hinkriegen, Genosse. Als er mich bemerkte, war es zu spät.

Ich lebte mit einer Kralle im Nacken. Mein Herz fing an zu pochen in seiner Nähe, und ich wusste, dass dies keine Liebe war. Wir lebten gefangen in unserer Geschichte, im Land der Freiheit.

Ich heiße Kyra. Ich habe vergessen mich vorzustellen. Den Namen hat mir mein Vater gegeben. Ein gebildeter Mann war mein Vater. Er liebte Istrati, Ionesco, Rilke, Tschechow und die französische Sprache. Sonntagmorgens pflegte Vater einen seidenen Morgenrock mit orientalischen Mustern anzuziehen und sich ans Klavier zu setzten. Mutter zog ausnahmsweise ihre langen schwarzen Handschuhe aus und buk einen Cozonac aus 12 Eiern. Wir tranken Café au lait und aßen Cozonac. Und trauerten über den Verlust der Heimat und den Verlust unseres Vermögens.

Wir wohnten in Queens, in der 63 Drive, im Rego Park, in einer guten Wohngegend. Wir hatten es auch hingekriegt, das Haus zu kaufen und es ziemlich schnell abzuzahlen. Aus meiner Arztpraxis. Und von dem Schmuck, den wir in die Fütterung der Kleider eingenäht hatten. Bei der Ausreise hatte ich auch meine Goldmünzenketten am Hals getragen. So offensichtlich poliert und sichtbar, dass die Zöllner es selbstverständlich für eine Fälschung gehalten haben. Jede Münze war ein Vermögen. Einige Münzen hatte ich versteckt. Aber vor Dumitru konnte man nichts verstecken, wenn sein ewig ungestillter Durst ihn überwältigte.

Ja, ich bin hier, weil mich jemand angerufen hat. Ich soll nach Berlin kommen und auf ihn im Museum warten. Immer wieder hat er angerufen. Er wollte, dass ich herkomme und vor der Gebärenden warte. Aber wenn ich euch hier anschaue, kann ich mir kaum vorstellen, dass er sich unter euch befindet. Er soll mich gesehen haben, als wir in Italien im Lager wohnten und auf unsere Einreisepapiere nach Amerika warteten. Er soll in Italien geblieben sein. Und nach der Wende soll er hierher gekommen sein. Nach Berlin. Er meinte, das wäre jetzt seine Stadt. Eine Stadt die aus zwei Welten besteht. Aus zwei Vergangenheiten lernen will. Und eine gemeinsame Zukunft daraus macht. Die Stadt, die sich heilen muss, um anderen Heilung zu bieten. Es ist die Stadt, die ihn von seiner Vergangenheit heilen wird.

Sie waren alle fort, in den Tod gezogen, meine Mutter, mein Vater und dieser, den ich nicht mehr meinen Mann nennen will. Sondern nur Dumitru. Und ich wusste nicht, was ich mit mir noch anfangen soll.

Der erste Anruf kam, als ich mich nicht mehr bewegen wollte. Ich wollte nichts mehr essen. Und ich wollte niemandem mehr die Tür aufmachen. Meinen Nachbarn hatte ich erzählt, ich ginge auf eine lange Reise. Sie freuten sich für mich und sagten: Kyra, endlich trennst du dich von diesem dunklen Haus, von diesem giftigen Staub der Vergangenheit, der jede Ecke erstickt. Endlich gehst du raus ins Leben. Ins Licht.

Ich hatte die Fensterläden geschlossen, das Telefon ausgestöpselt und den Vertrag bei der Stromgesellschaft gekündigt. Ich wartete auf die große, endgültige Reise. Ich hatte mich ins Bett gelegt im Dunkeln, hatte mein Leben angeschaut und bereut, dass nichts nach mir bleiben wird.

Nur das Handy hatte ich, in meinem Mantel versteckt, vergessen auszuschalten. Und irgendwann hörte ich es klingeln. Er sagte, ich soll nach Berlin. An einem Sonntag im Oktober soll ich kommen. Und ich sagte, gut, ich komme. Es gibt viele Wege, Selbstmord zu begehen. Er sagte, ich muss an das Leben glauben. Das Leben ist wundervoll. Er will mir das beweisen. Wir treffen uns vor der Gebärenden, im Museum. Er wird einen roten Umschlag mit einem großen Foto mitbringen, das er damals heimlich in Italien von mir geschossen hat. Und so bin ich nach Berlin gekommen. Auf den Spuren eines Unbekannten.

Ich glaube, mein ganzes Leben war eine Täuschung. Ein Irrtum. Und hierher bin ich auch umsonst gekommen. Die Gebärende sieht mich feindlich an. Kein Unbekannter steht vor ihr. Kein roter Umschlag ist in der Nähe. Niemand der auf mich wartet.

Aber nein. Sie, was haben Sie in der Hand? Wo haben Sie das gefunden? Das geben Sie mir bitte sofort her. Das gehört mir.“

Diese Geschichte wird heute im Kulturradio des rbb gesendet (10 Uhr 45, „Leseprobe“). Die nächste Geschichte von Ulrich Woelk wird am Dienstag veröffentlicht und gesendet.

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