Berlin : Das Geheimnis von Schloss Manderly

„Rebecca“, Hitchcocks Hollywood-Debüt, eröffnete 1951 die ersten Berliner Filmfestspiele

Andreas Conrad

So empfängt man Königinnen: „Von London war sie zunächst nach Köln geflogen, und um Punkt zwei Uhr saß sie bereits in der gewaltigen, mit Eichenlaub bekränzten und mit Blumen geschmückten Luxuslimousine.“ Auf dem Weg von Gatow in die Innenstadt wurde der Gast „von einer Eskorte von vier weißbemützten Polizisten auf Motorrädern“ geleitet, wie der Tagesspiegel am 16. Juni 1951 berichtete. „Hinter ihrem Wagen schloß sich (…) der Kometenschweif einer immer größer werdenden Kolonne von Motorfahrzeugen an, deren Gehupe und Getute die Schwüle der über den Straßen liegenden Mittagsmüdigkeit zerriß.“ Die Fahrt von Joan Fontaine zum Rathaus Schöneberg glich einem Triumphzug. Sechs Jahre nach Kriegsende war der Hunger der Berliner nach Glamour unermesslich, ihre Dankbarkeit gegenüber allen, die der Einladung zur ersten Berlinale gefolgt waren, überwältigend – besonders aber gegenüber dieser „sympathischen und eleganten Frau, die aus der Ferne, aus der Märchenwelt des Films gekommen war“.

Dabei lag die Aufführung des Films, Anlass zu dem Besuch, bereits über eine Woche zurück. Am 6. Juni hatte das Festival im Titania-Palast begonnen, mit Alfred Hitchcocks „Rebecca“ von 1940 als Eröffnungsfilm. Das muss nicht überraschen, schließlich hatte David O. Selznick, Produzent des Films, einen an diesem Abend verliehenen Preis gestiftet. Zudem war es für „Rebecca“ deutsche Uraufführung, elf Jahre nach der US-Premiere.

Das lag am Krieg, der schon die Dreharbeiten überschattet hatte. Sie begannen am 8. September 1939, eine Woche nach dem Einmarsch in Polen. Viele fürchteten, London könnte bombardiert werden – für das weitgehend britische Filmteam bedrückend. Doch auch so war Hitchcocks Hollywood-Debüt nicht gerade ein Vergnügen. Es sei „kein Hitchcockfilm“, vielmehr „eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte“, beschied er François Truffaut in ihrem Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“. Zwar sei es „ein britischer Film, vollkommen britisch“, doch mit „außerordentlich starkem amerikanischen Einfluß“.

Das war nicht verwunderlich. Selznick war bekannt dafür, auf die von ihm produzierten Filme starken Einfluss zu nehmen. Hitchcock hätte die Filmrechte an „Rebecca“, Daphne du Mauriers Bestseller von 1938, gern selbst erworben, besaß aber nicht die Mittel. Die Schriftstellerin lebte in Cornwall, auf dem Herrensitz Menabilly, Vorbild zu dem Schloss Manderly des Romans. Für Hitchcock war das düstere Gebäude „eine der drei Hauptpersonen des Films“, neben der neuen Hausherrin (Joan Fontaine) und ihrem Mann Maxim de Winter (Laurence Olivier).

„Letzte Nacht träumte ich, ich kehrte zurück nach Manderly“ – mit diesem Satz aus dem Off beginnt die „Aschenbrödel-Geschichte“, wie Truffaut sie nennt. Die junge, naive Mrs. de Winter hat weit über ihrem sozialen Status geheiratet und sieht sich in einem labyrinthischen Schloss gefangen, das ganz von ihrer Vorgängerin geprägt ist, der unter mysteriösen Umständen gestorbenen Rebecca. Besonders Haushälterin Mrs. Danvers (Judith Anderson) lässt mit subtilem Psychoterror keinen Zweifel daran, dass die neue der alten Herrin unterlegen ist. Doch da taucht die Tote wieder auf, geborgen aus einem mit Absicht versenkten Boot…

Selznick hatte der Schriftstellerin versprochen, der Film werde sich eng ans Buch halten, und alles Hitchcock überlassen. Über den ersten Drehbuchentwurf aber war er entsetzt: „Wir haben ,Rebecca’ gekauft, und ,Rebecca’ wollen wir auch drehen, und nicht die verzerrte und vulgarisierte Version eines Werks, das sich doch bereits als erfolgreich erwiesen hat.“ Also mussten alle noch mal ran, Hitchcock, seine Vertraute Joan Harrison, Selznick selbst sowie der von ihm verpflichtete Autor Robert E. Sherwood.

Noch immer fehlte die Hauptdarstellerin. Selznick stellte sich die Suche als Reklamefeldzug wie bei „Vom Winde verweht“ vor. „So hat er alle großen Stars von Hollywood dazu gebracht, Probeaufnahmen für ,Rebecca’ zu machen“, erinnerte sich Hitchcock. „Mir war das peinlich.“ In Frage kam für ihn nur Joan Fontaine, vielleicht, weil sie ihm unerfahren schien, leicht zu formen. Das versuchte er auch, wie Joan Fontaine sich beklagte: „Permanent erzählte er mir, dass niemand außer ihm mich für gut hielte.“

Die Dreharbeiten selbst hatten etwas von einem Zweikampf zwischen Produzent und Regisseur. Selznick wünschte sich viel Material, um den Film im Schneideraum formen zu können. Hitchcock dagegen liebte es, den Film schon mit der Kamera zu schneiden, hatte auch diesmal konkrete Vorstellungen und drehte eben nur das, was passte. Am Ende wurde es doch eher ein Selznick-Film, dazu ein sehr erfolgreicher, der dem Produzenten volle Kassen und einen Oscar einbrachte.

Eine Abweichung vom Roman hatte er aber akzeptieren müssen. Dort ist Leon de Winter Rebeccas Mörder und kommt doch ungestraft davon. Nach dem Motion Picture Production Code, einer Art „Freiwilliger Selbstkontrolle“, war das in Hollywood unmöglich: Rebeccas Tod wird zum Unfall. Hitchcock war das egal: „Sie kennen doch sicher den Witz von den beiden Ziegen, die die Rollen eines Films auffressen, der nach einem Bestseller gedreht worden ist, worauf die eine Ziege der anderen sagt: ,Mir war das Buch lieber.’“

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