Berlin : Das Gespenst im Schlosshotel

Tagesspiegel-Radpartie 2 zu italienischen Hofgütern, einsamen Seen und einem verlassenen Schloss im Havelland bei Potsdam Hier inszenierte General von Bischoffwerder für Friedrich Wilhelm II. Spukgeschichten. 130 Jahre später bewirtete Kempinski dort noble Gäste

Christoph Stollowsky

Es war ein Tag von allererster Güte. Die Gäste radelten in der Frühe durch Obsthaine und zu den Ufern der Wublitz, eine taufrische Brise im Rücken. Um sie herum zog der Sommer auf, als setze er alles daran, Himmel und Wasser mit den schönsten Blautönen einzufärben. Später gab es auf der Schlossterrasse einen geschäumten Kaffee, sie schwammen hinaus in den lieblichsten aller Havelseen – den Schlänitzsee – und segelten in einer leichten Yacht rund um die Insel Töplitz. Dann dämmerte der Abend, die Ober zündeten Kerzen an und servierten im Schlosssaal Aal auf Knusperlauch. Das war nun die rechte Zeit für ein paar Gruselgeschichten über die alte Marquardter Gräfin. Sie könne keine Ruhe finden, erzählt man sich im Dorf. „Wie auf großen Socken schlurrt es durch alle unteren Räume des Schlosses; man hört die Türen gehen; dann alles still.“

Solche Tage im „Kempinski-Hotel Schloss Marquardt“ im Havelland gönnte man sich gerne in der besseren Berliner Gesellschaft der frühen 30er Jahre. Das noble Hotelunternehmen warb offensiv für sportliche Wochenenden mit Segeln, Reiten oder Velofreuden in der geschichtsträchtigen Luxus-Herberge im Nordwesten Postdams. „In der Tat ist das Schloss eines der bestgelegenen in der Umgebung Berlins“, heißt es in alten Annonce. „Sie erleben ein Landschaftsbild von seltener Ruhe und Schönheit.“

Diese Ansicht hat sich bis heute bewahrt. Nur das Schloss selbst ist ein wenig heruntergekommen. Mitte der 30er Jahre gab Kempinski den Hotelbetrieb auf, weil die Nazis jüdische Unternehmen vertrieben; zu DDR-Zeiten wurde der neobarocke Bau vom Institut für Obstkunde der Humboldt-Uni genutzt – und seit der Wende steht er leer.

Am besten nähert man sich per Pedale dem Schloss. Hinein ins Dorf bis zur Backsteinkirche und hier Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ aus dem Rucksack holen: „Wir … münden in die Dorfstraße ein, zu deren Linken ein prächtiger Park bis an die Wublitz und die breiten Flächen des Schlänitzsees sich ausdehnt.“

Das ist der Höhepunkt. So hat es auch Theodor Fontane empfunden, als er „im lieblichen Ländchen vor den Toren Potsdams“ auf Wanderschaft ging – in der von Seen und Schifffahrtsgräben umgürtete Gegend zwischen Bornim, Töplitz und Marquardt. Adelige und ihre Souveräne schätzten sie schon seit dem 17. Jahrhundert als Wohnsitz und Ort der Sommerfrische.

Bereits der Große Kurfürst segelte zum Vergnügen über die Wublitz. Im Schloss Marquardt lebte von 1795 bis 1803 der engste Vertraute Friedrich Wilhelms II., Generalleutnant Rudolph von Bischoffwerder, und ging dort spiritistischen Neigungen nach. Königin Luise, die Lieblingsregentin der Berliner, kutschierte einige Jahre später über die Bornimer Feldflur zu ihrem nahen Ferienschloss in Paretz – und bevorzugte dabei die Route durch den Marquardter Schlosspark.

Und der Romantiker auf dem preußischen Königsthron, Friedrich Wilhelm IV., setzte dem Landstrich nach 1840 schließlich die Krone auf: Er beauftragte Peter Joseph Lenné, auch die Bauernlandschaft hinter den Parks von Sanssouci mit Lindenalleen, Wegen und Hecken zu verschönern. Es sollte eine Agrarwirtschaft zum Vorzeigen entstehen – mit königlichen Hof- und Mustergütern in Bornstedt und Bornim, die im italienischen Landhausstil entstanden. Das passte zum milden Klima des Ländchens, wo bis zur Reblausplage 1874 auch der Wein recht gut gedieh und Äpfel und Kirschen seit mehr als 150 Jahren in Plantagen reifen.

Die Obsthaine sind geblieben bei bei Marquardt oder Töplitz. Die Alleen mit den ehrwürdigen Linden verschwanden aber nach dem Kriege – bis die Bundesgartenschau 2001 in Potsdam der einst königlichen Feldflur die Wende brachte: Seither hat man die Lennéschen Wege für Radwanderer rekonstruiert und Lindenalleen neu bepflanzt.

Nun treiben die jungen Bäume ihr erstes zartes Grün am Wegesrand. Kein Holpern, kein Schlingern. So komfortabel rollten die Gäste des Kempinski-Hotels in Marquardt bei ihren Radpartien noch kaum übers Land. Doch ihre Routen waren nahezu gleich, sie führten am Ende zur Marquardter Kirche – oder zum Hinterpforte des Schlossparks am Kanal. Das Entrée für Heimlichkeiten. Denn hier beginnt der „Königsweg“ in den Park.

Diesen Eingang hatte im Dämmerlicht auch Friedrich Wilhelm II. genommen, der für Spuk empfängliche Herrscher unter den Preußenkönigen. Vorbei an hohen Pappeln und Efeuranken rasselte seine Kutsche zur Blauen Grotte, eingelassen in einem Hügel am Schloss. Mit blauen Lasursteinen war sie ausgelegt, und hinter ihren doppelten Wänden raunten Geisterstimmen, mit denen sich Friedrich Wilhelm II. tief ergriffen unterhielt. Der damalige Schlossherr von Bischoffwerder, Mitglied des Rosenkreuzer-Ordens, arrangierte das Spiel – und es gelang ihm, seinen König damit stark zu beeinflussen.

Heute lagern Ausflügler auf dem Hügel und schauen zum Schlänitzsee, die Grotte ist längst eingestürzt. Nur die alte, herrische Gräfin von Bischoffwerder lebt weiter in der Erinnerung und schlurrt nachts durchs Schloss. Sie kann von Haus und Besitz nicht lassen, sagen die Marquardter.

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