Berlin : Das Geständnis war ein Schauspiel

Günther Kaufmann hat gelogen, weil er seine Frau schützen wollte. Jetzt freut er sich. Denn der bizarre Totschlags-Prozess wird neu aufgerollt

Jörn Hasselmann

Von Jörn Hasselmann

Der Schauspieler Günther Kaufmann hat sich mit einem falschen Geständnis selbst hinter Gitter gebracht. Dies bestätigte der Münchener Oberstaatsanwalt Peter Boie dem Tagesspiegel. Nun werde der Prozess gegen den Darsteller neu aufgerollt – denn die echten Täter haben am Wochenende die Tötung des Münchener Steuerberaters und Kaufmann-Freundes Hartmut Hagen gestanden. In der vergangenen Woche waren Heinz K., Hans-Joachim U. und Wolfgang N. festgenommen worden. Kaufmann sei bei der Tat nicht dabei gewesen, sagten alle drei Festgenommenen jetzt aus. Die Geständnisse decken sich nach Informationen des Tagesspiegel in den entscheidenden Punkten. „Herr Kaufmann freut sich über die Wende“, sagte sein Anwalt Steffen Ufer aus der Kanzlei Bossi.

Kaufmann war wegen seines Geständnisses und der am Tatort gefundenen Fingerabdrücke im November 2002 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Die Fingerabdrücke waren im Prozess nur ein Indiz, kein Beweis: Sie lassen nach Angaben Boies nur auf eine gewisse zeitliche Nähe der Anwesenheit Kaufmanns schließen. „Er war vor oder nach der Tat in der Villa, aber nicht während der Tat.“ Wie Anwalt Ufer sagte, habe Kaufmann das falsche Geständnis abgelegt, weil er seine an der Tat offenbar beteiligte Frau schützen wollte. Dann verstrickte er sich so sehr in Lügen, dass es kein Zurück mehr gab. Sein Mandant, so Ufer, habe zu Recht befürchtet, dass das Gericht ihn abstrafen werde, wenn er nun urplötzlich die Schuld „auf einen großen Unbekannten“ schiebe. Immerhin entkam Kaufmann durch seine Version einer Verurteilung wegen Mordes. So lautete nämlich zunächst die Anklage.

Gestützt wird die Ansicht des Anwalts dadurch, dass die drei vor einer Woche Festgenommenen trotz ihres umfangreichen Geständnisses keine Aussage über Kaufmanns Rolle machten – sie wussten es schlicht nicht. Alle sind wegen Raub- und Gewalttaten polizeibekannt. Ufer will in den kommenden Tagen Kaufmann im Gefängnis Tegel besuchen.

Die Geständnisse der Berliner haben jetzt mehr Licht in den Fall gebracht als der ganze Prozess vor dem Schwurgericht gegen Kaufmann. Denn dort hatte der aus Fassbinder-Filmen sowie Tatort- und Derrick-Folgen bekannte Darsteller diverse Lügen aufgetischt. Zum Beispiel hatte er zwei angebliche Komplizen – einschlägig bekannte Münchener Unterweltgrößen aus seinem Bekanntenkreis – namentlich benannt. Doch die beiden Männer waren unschuldig. Es blieb den Richtern also nur Kaufmanns Geständnis, dass er sich im Februar 2001 vorsätzlich auf sein Opfer fallen ließ und es mit seinen 117 Kilo Körpergewicht erstickte – und das ganz alleine. Der Staatsanwaltschaft war klar gewesen, dass das nicht die ganze Wahrheit war, denn unter der Leiche war ein Adidas-Schuh gefunden worden – der Kaufmann nicht gehörte. Auch nach dem Prozess hatte die Polizei intensiv nach weiteren Tätern ermittelt – ohne Ergebnis. Der entscheidende Tipp kam jetzt aus Berlin, von der Freundin eines der wirklichen Täter. Heinz K. hatte ihr alles gebeichtet. Und nach Informationen des Tagesspiegels gehörte der Adidas-Schuh Heinz K. Laut Obduktion starb Hagen durch Eindrücken des Brustkorbes – Heinz K. wiegt noch mehr als Kaufmann – nämlich 130 Kilo.

Wie Oberstaatsanwalt Boie sagte, habe Kaufmanns mittlerweile verstorbene Frau Alexandra dem Charlottenburger Hans-Joachim U. den Auftrag erteilt, die Villa des Steuerberaters auszuräumen – und ihn möglicherweise zu töten. Frau Kaufmann hatte mit ihrem Mann den Steuerberater um eine große Summe betrogen – das drohte aufzufliegen. Und sie kannte U. gut – er war seit einer gemeinsamen Kur ihr Geliebter. Der Mann hatte einschlägige Erfahrungen: Im August 1989 hatte U. vor einer Wilmersdorfer Diskothek einen Türsteher erschossen. Heinz K. und Wolfgang N. sind seine Freunde.

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