Berlin : „Das grenzt an Demütigung“

Sind gesetzlich versicherte Berliner nur Patienten zweiter Klasse? Was unsere Leser zu diesem Thema berichten

Jörg Bürger

Die Äußerungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung reichen nicht einmal mehr als Karnevalsbeitrag. Als wenn sich eine Terminvergabe jemals nach dem Zustand des Patienten richten würde. Hier noch meine Erfahrung: Anruf als neuer Kassenpatient bei einem Augenarzt. Gleich die erste Frage lautete: „Sind Sie Kassen- oder Privatpatient.“ Ich bekam einen Terminvorschlag in ca. 8 Wochen, mit dem Hinweis, als Privatpatient hätte ich einen speziellen Termin in ca. 1 Woche bekommen können.

Suche ich einen neuen Arzt, so lautet bei telefonischer Anmeldung die scheinheilige Frage: „In welcher Kasse sind Sie?“ Ehrlich wäre die Frage, ob ich als Kassen- oder Privatpatient komme. Ich bin auch abgespeist worden mit der Empfehlung an einen Kollegen, der noch Kapazität hätte. Bei Anruf dort war der Erfolg wie vorher – Diskussion zwecklos. Ich habe in einem Fall einen Test als „Privatpatient“ beim selben Mediziner gemacht – erfolgreich. Ich wusste dann, wohin ich geraten war. Udo Rehkatsch, Spandau

Der weitaus größte Teil der Ärzte vergibt Termine nach gesundheitlicher Dringlichkeit und den jeweiligen technischen Möglichkeiten, sprich den Kapazitäten der Geräte. Kassenpatienten maulen vielfach in völliger Unkenntnis der Realitäten. Klaus Koch, Schöneberg

Wartezeiten, bis man einen Termin bekommt, empfinde ich nicht als großes Problem. Das mag damit zusammenhängen dass ich praktisch nie akut krank bin. Was mich richtig ärgert, ist der Umstand, dass man im Wartezimmer bei manchen Ärzten dann, trotz Termin, 1–2 Stunden warten muss. Dazu muss ich mir keinen Termin geben lassen, um dann so lange im Wartezimmer zu sitzen. Patienten, die erheblich später kamen als ich, werden vor mir ins Behandlungszimmer gebeten. Ob das Privatpatienten sind? Dieter Titz, Berlin

Die 90%-Kassenversicherten-Masse hat also ein neues Klassenkampf-Feindbild gefunden: den angeblich bevorzugten Privatzahler. Insofern wundert es mich nicht, dass sofort alle bedauernswerten Angehörigen halbsozialistischer Staatskassen sofort nachplappern, was Kassenfunktionäre vorgeben. Dabei leben sie doch gut von der Umverteilung, die neben den Steuern auch noch über die Bezahlung von Arztdienstleistungen gespeist wird. Denn hat sich von den vielen empörten Gutmenschen mal jemand gefragt, warum für die gleiche Heilbehandlung rd. 80% mehr Honorar verlangt werden, obwohl dem Arzt oder dem Krankenhaus die Zumutung der Kassenabrechnung erspart bleibt? Wo bleibt der Mehrwert für die Privatzahler? Eine bevorzugte Behandlung wäre da doch wohl mehr als gerechtfertigt. Und die wirklich akuten Fälle werden doch wohl eher in Krankenhäusern behandelt und nicht über Terminvereinbarung bei Arztpraxen. Gero Pischke, Tegel

Hier in meiner Facharztpraxis für Hautkrankheiten in Nordneukölln wird jeder Patient gerne und freundlich behandelt – egal wie gut, schlecht oder gar nicht versichert er ist. Sie können sich aber vielleicht den gelegentlich aufkommenden (inneren) tosenden Jubel von mir und meinen Mitarbeitern vorstellen, wenn ein Patient, der regulär privat versichert ist (Politiker, Beamte, Lehrer, Feuerwehrmänner...), mehr als 19 Euro pro Quartal einbringt. Diese Summe wird an uns Hautfachärzte für einen gesetzlich Versicherten in 3 Monaten gezahlt, egal wie oft er in 3 Monaten unsere Praxis frequentiert! Dr. Patricia Hübner-Gierlichs

Ich war 15 Jahre lang privat versichert und habe die Vorzüge genossen! Mein Orthopäde behandelt Mittwoch nur Private, an anderen Tagen musste ich auch nur max. 20 Minuten warten, alle Behandlungen aus dem obersten Regal, beim Zahnarzt gibt es Super-Kronen mit geringerer Zuzahlung, die Wartezeit wird mit einem Espresso überbrückt. Nun bin ich seit Dezember 2005 gesetzlich versichert. Was für ein Unterschied! 1 – 2 Stunden Wartezeit, und die Privaten kommen und gehen. Das grenzt an Demütigung. Mein Fazit: Ich versuche schnellstmöglich wieder in eine private Kasse zu kommen. Der Witz dabei: Ich bezahle den Höchstbeitrag der gesetzlichen Kassen, deutlich mehr als bei den privaten. Andreas Richter

Natürlich gibt es in unserem Land eine unübersehbare Ungleichbehandlung zwischen Privat- und Kassenpatienten! Nach einem Sturz mit Verdacht auf Bänderriss versuchte ich in 7 Röntgeninstituten einen Termin für eine MRT zu bekommen. In allen Praxen war die erste Frage die nach der Krankenversicherung, danach wurden mir Termine in frühestens 14 Tagen bis 3 Monaten angeboten. Ich war total fassungslos! Erst durch Intervention meines Arztes bekam ich nach immerhin 7 Tagen einen Termin, so lange durfte ich mit einem gerissenen Band und einer Meniskusverletzung auf dem Sofa sitzen. Ute Seyfarth, Charlottenburg

Ich bin Mitglied der Barmer Ersatzkasse, 73 Jahre alt. Ich habe nach einer Lungenentzündung seit Mitte September einen Reizhusten und bekam von meiner Hausärztin eine Überweisung zur Weiterbehandlung bei einem Lungenarzt. Ein Arzt nahm gar keine Patienten mehr auf, bei einem anderen hatten sie frühestens im Januar 2007 einen Termin. Das kann es ja wohl nicht sein.

Rita Weise, Reinickendorf

Ich bin Mitglied einer Betriebskrankenkasse. Erster Besuch bei einer Augenärztin: Termin nach 1 Woche, Wartezeit 20 Minuten, Konsultation: sehr gründlich. Zweiter Besuch: Termin nach 2 Monaten, Wartezeit 2 Stunden (!), Konsultation dauerte keine 5 Minuten, konnte meine Beschwerden gar nicht schildern. Es wurde mir eine Brille verordnet, die ich gar nicht wollte. Zu dieser Ärztin werde ich nicht wieder gehen. Annemarie Rahusen

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