Berlin : Das große Durcheinander

Mohamed F. stand unter Terror-Verdacht und wurde festgenommen. Gestern ließ ihn die Polizei wieder frei

Sandra Dassler

Der Nachbar hat es schon immer gewusst. Als er am Sonnabend früh die Polizeiautos sah und den Mannschaftswagen mit den Spezialeinsatzkräften sei ihm klar gewesen, dass der Einsatz nur Mohamed F. gelten konnte: „Der kam mir seltsam vor: Grüßte nicht, fuhr ständig ein anderes Auto und trug oft so ’ne Art Kampfanzug.“ Der Nachbar wohnt in der Moabiter Zwinglistraße, im Nebeneingang von Mohamed F. Dessen Wohnung hat die Polizei am Sonnabend gestürmt. Er wurde verdächtigt, jene drei Iraker unterstützt zu haben, die möglicherweise einen Anschlag auf den irakischen Ministerpräsidenten Allawi während seines Berlin-Besuchs in der vergangenen Woche planten.

Den Nachbarn würde es nicht wundern, wenn der aus dem Libanon stammende Palästinenser ein Terrorist wäre. Schließlich sei der Mann vor einiger Zeit von einem der oberen Stockwerke nach unten gezogen und habe den Balkon ganz zubauen wollen. Als ihm das von der Hausverwaltung untersagt wurde, stellte er riesige Schilfmatten auf. Tut man so was, wenn man nichts zu verbergen hat? Die wenigen Deutschen, die noch in der Zwinglistraße leben, hätten schon gewitzelt: „Die Schläfer wohnen unter uns.“

Der Mann, der seine ramponierte Wohnungstür nach einigen Klingelversuchen öffnet, trägt keinen Kampfanzug, sondern Jeans, Lederjacke und Hausschuhe. Er scheint großen Respekt vor seiner Frau zu haben, die ihm zunächst verbietet, mit der Presse zu reden. „Sie ist ziemlich durcheinander wegen alledem“, sagt Mohamed F. Als die Polizei die Tür aufbrach und mit gezogenen Waffen in die Wohnung stürmte, saß er mit seinem jüngsten Sohn auf dem Teppich. „Ich habe mich sofort auf den Bauch gelegt und die Hände auf dem Rücken verschränkt“, erzählt der groß gewachsene, stämmige Mann: „Da ist die Gefahr von Verletzungen nicht so groß.“

Weiß ein unbescholtener Bürger solche Dinge? Andere Araber, die schon Razzien erlebt haben, hätten ihm das berichtet, sagt Mohamed F. und entschuldigt sich dafür, dass er keinen Tee anbietet und die Wohnung so schrecklich aussieht. Die Polizisten haben alles durchsucht, sogar die Teepackungen in der Küche. Ansonsten seien sie sehr anständig gewesen: Zwei Beamtinnen hätten sich um die verschreckte Frau und die vier Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren gekümmert, während er verhört wurde. Auch die Vernehmung bei der Polizei sei ganz sachlich abgelaufen. Mohamed F. gibt sich verständnisvoll für die deutschen Sicherheitsbehörden. „Mein Fehler war, dass ich mich am Donnerstagabend mit Rafik getroffen habe, nachdem er mich angerufen hat“, sagt er. Rafik Y. ist einer der drei Iraker, gegen die der Bundesgerichtshof inzwischen Haftbefehle erlassen hat. Er war am Freitag bei einer Razzia in seiner Wohnung in der Gropiusstadt festgenommen worden. Rafik Y. betreibe ein Bauunternehmen in Berlin, erzählt Mohamed F. Kennen gelernt habe er ihn in der Neuköllner Al-Nur-Moschee. Die steht seit längerem im Visier der Terrorfahnder. 2003 waren im Umfeld der Moschee sechs Männer festgenommen worden, weil es Hinweise auf einen geplanten Al-Qaida-Anschlag in Deutschland gab.

Rafik Y. habe ihn bei diesem Treffen am Donnerstagabend nur gefragt, ob er Zeit hätte, sagt Mohamed F. Er hatte keine Zeit und glaube auch nicht, dass Y. einen Anschlag plante: „Rafik hat nur ein großes Maul“, meint er. Dass der Name Allawi während des offenbar abgehörten Telefonats gefallen ist, hält Mohamed F. für möglich: „Alle Araber hier reden darüber, wenn so einer nach Deutschland kommt.“

Die Ermittler hatten Mohamed F. in der Nacht zum Sonntag wieder freigelassen. Nach Informationen des Tagesspiegels wird aber weiter gegen ihn ermittelt. Ein dringender Tatverdacht bestehe aber nicht. Für die Schilfmatten auf dem Balkon hat er eine Erklärung. Ohne sie müsse seine Frau auch dort ein Kopftuch tragen, sagt er. Man könne sie da sonst schließlich sehen. Mohamed F. will in der Zwinglistraße wohnen bleiben. Dass ihn die Nachbarn jetzt misstrauisch anschauen, müsse er eben hinnehmen. Und die Kinder seien ja zum Glück noch so klein, dass sie nicht viel verstehen. Jetzt wird Mohamed F. erst einmal die Tür reparieren lassen. Die Polizisten haben ihm gesagt, er könne die Rechnung an sie schicken.

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