Berlin : Das große Fressen: Ich seh di! Dat freit mi! Ich sup di to! Dat do!

Heidemarie Mazuhn

Im Opernpalais Unter den Linden kann man morgen Abend nicht wählen. Ohne Pardon muss verzehrt werden, was auf den Tisch kommt: 150 Kilogramm Kohl, 500 Pinkelwürste, 400 Kochmettwürste, 70 Kilo Kasseler und 20 Kilo gestreifter Speck - kalorienbombige Ingredienzien des 44. "Defftig Ollnborger Gröönkohl-Ätens". Mit ihrem Nationalgericht aus Grünkohl und allerhand Schweinernem im Gepäck machen sich die Oldenburger Stadtväter seit 1956 alljährlich auf den Weg in die jeweilige Bundeshauptstadt, um politisch wichtige Leute damit abzufüllen.

Dies alles mit schlauem Hintersinn - was den unentgeltlich Verköstigten erst deftig im Mund und dann kalorienschwer im Magen liegt, soll nachhaltig an die gastfreundlichen Niedersachsen erinnern. So nachhaltig, dass vielleicht das eine oder andere Problem der frugalen Grünkohlspender "von ganz oben" gelöst wird. Und damit das auch so klappt, wie es einst schon Graf Anton Günther den Oldenburgern vormachte, dessen geschickte Pferdegeschenke die Region aus dem 30-jährigen Krieg heraushielten und erblühen ließen, vergibt das "Land mit Weitblick" seit über 40 Jahren zum Grünkohlmahl jährlich auch die Regentschaft über das sturmfeste, frostharte, wasserdichte und sandige Gemüse. Die Vitamin-C-reiche Kost ist nicht nur die liebste, sondern - urkundlich 1586 erstmals erwähnt - auch die älteste Speise der Oldenburger. Seit großherzoglichen Zeiten holen sie sich dafür alljährlich nach dem ersten Frost auf winterlichen Landpartien "Kohldampf", den sie danach in einem Lokal mit ihrem Nationalgericht stillen. Wer davon am meisten isst, wird Kohlkönig.

Erste außerhalb der Region gewählte Majestät über das Kohlvolk wurde Hans Bott, Ministerialdirektor im Bundespräsidialamt. Das befand sich damals in Bonn, und dorthin karrten die Oldenburger 1956 erstmals Kohl und Pinkel. Das wollten sie dem damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss eigentlich in ihrer Heimatstadt servieren. "Nach Oldenburg? Nahezu unmöglich! Wenn Sie Wert darauf legen, dass aus unserer Begegnung etwas wird, dann müssen Sie sich etwas einfallen lassen", soll Heuss gesagt haben. Der Einfall war das "Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten" - ausgefallen ist es nur zwei Mal: Zur Hochwasserkatastrophe 1962 und zum Golfkrieg 1991. Was die gesponserte Abfütterung von Regierungsvertretern bisher einbrachte, darüber schweigt man sich in Oldenburg diplomatisch fein aus. Hartnäckig hält sich aber das Gerücht, dass der Stadtautobahnring mit einer Grünkohlkönigswahl im Zusammenhang steht.

Zu denen, die als gewählte Majestät in ihrer "Regierungserklärung" schon mal Kohl über den grünen Klee loben mussten, gehörten Helmut Schmidt (1978), Helmut Kohl (1984), Rita Süssmuth (1990) und Gerhard Schröder (1992). Joschka Fischer hätte 1996 am liebsten das Kohlstrunk-Zepter behalten - damals schmeckte es ihm noch. Otto Schily zeigte sich bei seiner Wahl 1999 weniger begeistert. Gerade zwei Portionen schaffte der Bundesinnenminister, als er Jürgen Rüttgers ablöste, der 1998 der erste Berliner Grünkohlkönig wurde. Im Vorjahr bekam Michaele Schreyer als Grünkohlkönigin den "Schweineorden" umgehangen.

Wenn morgen der im Oldenburger "Bümmer Steder-Krug" vorgekochte "brassica oleracea" (lateinisch für Kohl) im Opernpalais aufgewärmt wird (so schmeckt er am besten), ist Funke als Landwirtschaftsminister zwar a. D., als Vorsitzender des "Kurfürsten-Kollegiums" aber fest im Amt. Ob Funke wie gewohnt launig über das landwirtschaftliche Produkt seiner Heimat plaudert, "das zur Säuberung noch vor den Kindern in die Wanne kommt", bleibt abzuwarten. Auch, für wen sich diesmal das "Kurfürsten-Kollegium" entscheidet. Gerüchte gibt es schon genug über den neuen Grünkohl-König oder die neue Königin. Unter den etwa 200 eingeladenen Vertretern der Bundes- und Landespolitik, die ihren Appetit auf Kohl und Zutaten bereits zugesagt haben, befindet sich auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Nicht die einzige Dame, die zur Wahl steht - auch Renate Künast will im Prinzessinnensaal in den Kohl reinhauen. Da können sich beide das "Gröönkohl-Äten" mit Korn runterspülen und nach traditionellem Ritual aus dem Zinnlöffel statt Glas plattdeutsch zuprosten: Ich seh di! Dat freit mi! Ich sup di to! Dat do! - Na denn: "Prost Mahlzeit."

Das Rezept

1 1/2 Kilo Grünkohl (sollte möglichst Frost abbekommen haben), 2-3 Esslöffel Schmalz, 2 feingehackte Zwiebeln, 2 Esslöffel Hafergrütze, 1 Teelöffel Salz, 1 Teelöffel Pfeffer, 1 Prise Zucker, etwas Fleischbrühe, 4-6 Kochwürste, 4-6 Pinkelwürste, 250 Gramm geräucherter Speck, 4 Scheiben Kasseler (Zutaten für 4 Personen). Zubereitung: Die Grünkohlblätter ablösen, gründlich waschen und abtropfen lassen, Kohl mit kochendem Wasser überbrühen, grob hacken, die Zwiebeln in heißem Schmalz andünsten, darüber Grünkohl, Hafergrütze und Gewürze schichten. Brühe hinzufügen, zehn Minuten kochen lassen und dann gut durchschütteln. Kasseler und Speck zugeben, in fest zugedecktem Topf 2-3 Stunden sanft schmoren lassen. In der letzten Stunde Pinkel und Kochwürste dazugeben. Fleisch und Würste herausnehmen, auf einer Platte anrichten, Grünkohl noch einmal abschmecken, in einer Schüssel anrichten, als Beilage Salzkartoffeln.

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