Berlin : Das große Händeschütteln

Anderer Ort, andere Amtsträger, andere vorbildliche Bürger: Bei Horst Köhlers Neujahrsempfang folgte eine Premiere der nächsten

Elisabeth Binder

Lauter Neuerungen bei Horst Köhlers erstem Neujahrsempfang im frisch erblühten Schloss Bellevue. Aber Angela Merkel wirkte, obwohl sie doch neu ist in ihrem Amt, erstaunlich routiniert. Entschlossener Händedruck, kurzer Wortwechsel, denn die Schlange ist noch lang. Dann eine kleine Drehung zu den Fotografen für ein Gruppenbild mit dem Bundespräsidenten in der Mitte und dessen Frau Eva Luise an der rechten Seite. Das hatten die anderen Kabinettsmitglieder nicht in dieser Perfektion drauf. Die Bundeskanzlerin verweilte noch auf dem Empfang, nahm sich sogar Zeit, mit einigen der verdienten Bürger zu reden. Das sind jedes Jahr andere, aber sie gehören traditionell zu den interessantesten Gästen des Bundespräsidenten.

Diesmal war Angela Besuch dabei, die seit 18 Jahren ihre schwerst mehrfach behinderte Tochter rund um die Uhr pflegt. Ihr Kind kann nicht stehen, hat mehrere epileptische Anfälle am Tag, muss gewickelt und gefüttert werden. Trotzdem nimmt sich die Mutter Zeit, im Verein „Eltern helfen Eltern“ mitzuarbeiten. Ihre Tochter sei ein aufgeschlossenes und freundliches Kind, erzählt sie. Aber natürlich könnten die meisten Menschen nicht nachvollziehen, was es bedeutet, so eine Aufgabe zu bewältigen. Deshalb ist sie jedes Mal genervt, wenn jemand fragt, warum sie nicht arbeiten geht.

Auch Gundula Seyfried aus dem sächsischen Großschönau kennt die Gedankenlosigkeit vieler Menschen. Sie betreut Sterbende: „Ich habe ganz oft erfahren, dass Freunde und Angehörige in der letzten Phase wegbleiben, weil sie denken, sie können das nicht ertragen.“ Also lindert sie die Einsamkeit der Todgeweihten. Hospiz-Gründerin Dorothea Becker aus Neukölln widmet sich ebenfalls Sterbenden: „Da kann ich am meisten lernen, denn ich kann mir so wenig vorstellen, wie es ist, wenn alles in Frage steht.“

Es ist eine ganz besondere Elite, die hier geladen ist, bestehend aus Menschen, die Beispiele setzen. Akossiwa Agboli-Gomado zählt auch dazu.Ursprünglich stammt sie aus Togo, sie ist in hellblau-weißer afrikanischer Festtagstracht erschienen, weil sie sich über diese Ehrung so wahnsinnig freut. Sie hat sich durch herausragende Nachbarschaftsarbeit in Neukölln hervorgetan. Während weitere Berliner, darunter Annette Lauterbach, Markus Debus, Sandra Fabig, Wilhelm Kühling und Silvia Lins, Kontakte mit Gästen aus anderen Bundesländern knüpfen, absolvieren der Bundespräsident und seine elegant im petrolfarbenen Zweiteiler gekleidete Frau den Händeschüttel-Marathon. Horst Köhler beweist, dass sein Lächeln nach drei Stunden immer noch taufrisch und ansteckend ist. Darin hat er ein viel größeres Talent als beispielsweise Roman Herzog. Das ist aber auch nötig, denn längst sind es nicht mehr nur die Journalisten, die beim Neujahrsempfang Fotos schießen. Fast alle Gäste inklusive einer Ordensschwester haben kleine silberne Digitalkameras dabei und dokumentieren den Tag, der sie aus einem oft beschwerlichen und aufopferungsvollen Alltag herausreißt, mitten zwischen diejenigen, die immer im Rampenlicht stehen.

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