Berlin : Das große Zappeln

In 36 Zuchtweihern wachsen tonnenweise Karpfen, Aale oder Zander heran – bis zum Peitzer Fischerfest

Christoph Stollowsky

Ein Fisch macht Karriere. Mit glänzenden Schuppen, rötlichen Kiemen, gutem Fleischansatz, hohem Eiweißgehalt und vor allem – mit wenig Gräten. Selbst Theodor Fontane konnte dem „Peitzer Karpfen“ den Aufstieg in die Auslagen der Delikatessengeschäfte nicht vermasseln, als er ihn in seinen literarischen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ mit keinem Wort erwähnte. Nur den Hecht und die legendäre Salzgurke rühmt der Dichter als „echtes Mahl“ im Spreewald und der Lausitz. Vielleicht lag es auch daran, dass ihm die Erfolge des Königlichen Peitzer Amtsrates und Fischzüchters Karl Kuhnert noch nicht zu Ohren gekommen waren. Denn Fontane veröffentlichte seine Wanderungen von 1862–89, die Geburtsstunde des Peitzer Spiegelkarpfens war aber erst 1880.

Damals kreuzte Kuhnert die fünf einheimischen Schuppenkarpfenstämme mit dem galizischen und dem Holsteiner Karpfen und war alsbald „höchst zufrieden“, wie Chronisten berichten. Allerdings hatte er beste Experimentiermöglichkeiten, denn er war bis 1913 Pächter des bis heute größten zusammenhängenden Fischteichgebietes Deutschlands.

Im 16. Jahrhundert wurde diese faszinierende Kultur- und Naturlandschaft geschaffen. In erster Linie zum Schutz der Peitzer Veste, doch von Anfang an diente sie auch der Fischzucht. Heute bewirtschaftet die „Peitzer Edelfisch-Handelsgesellschaft“ dort insgesamt 36 Teiche auf rund 1800 Hektar und betreibt zwei Fischrestaurants, „Karpfenklause“ und „Fischerkate“.

Bis zu 550 Tonnen Karpfen, Schleie, Hechte, Zander, Aale oder Forellen holen die Fischer in der Fangzeit vom Anfischen mit dem traditionellen Fischerfest im August bis zum November aus den nur 0,8 bis 1,2 Meter tiefen Gewässern. Ein Drittel aller brandenburgischen Süßwasserfische kommt aus Peitz und weiteren Zuchtanlagen der Gesellschaft im Umland.

Es gibt Vorstreck- und Brutstreckteiche, in denen Fischbabies ihren ersten Sommer verbringen; außerdem „Streckteiche“ für den zweiten Sommer und die großen „Abwachsteiche“ wie den Hälter- und Neuendorfer Teich: Dort wachsen die dreisömmerigen Karpfen zur Tellergröße heran , bevor das große Zappeln in den Fischgruben beginnt. Mit Netzen wird an den künstlichen Teichen nicht gefischt. Man lässt sie einfach ab, so dass sich die Fische an der tiefsten Stelle sammeln. Auf dem Höhepunkt der Fangzeit wird der Peitzer Fischzug mit einem Fest gefeiert, dieses Jahr am 21./22. Oktober. Natürlich gehören auch Teichnixen dazu.

Die Fischweiher sind terrassenförmig angelegt, was mit dem Auge kaum zu erkennen ist. Der Hammergraben hat das höchste Niveau. Von diesem Zufluss aus strömt Frischwasser dank des Gefälles ohne Pumpwerke ständig in alle Teiche. Zu kalten Jahreszeit werden die meisten Weiher allerdings bis auf wenige Überwinterungsgewässer abgelassen.

Im Frühjahr brüten im Schilf und auf den vielen Inselchen seltene Wasservögel. Wer die Ruhe der Natur auf einer Bank genießt, sieht Fischadler, hört Rohrsänger und kann an warmen Sommerabenden beobachten, wie die Peitzer Karpfen springen.

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