Berlin : Das Gruselkabinett im Flughafen Tegel

Neben der Rollbahn befindet sich die Asservatenkammer des Zolls – dort lagern grausam verendete Tiere und absurde Mitbringsel der Touristen

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Knut heißen sie nicht, sie sind auch weder weiß noch knuddelig, und schon gar nicht haben sie liebevolle Menschen um sich, die für ihre Gesundheit und halbwegs artgerechte Umgebung sorgen.

Im Gegenteil. „Der Bär“, sagt Christian Böhm, „ist eines der In-Produkte der asiatischen Medizin“. Genauer: Bärengalle. Als Pulver, Pille oder Paste. Gegen Leberleiden aller Art. Preis pro Gramm: fünfzehn bis zwanzig Euro. Etwa sieben Tonnen bringt allein die Volksrepublik China davon Jahr für Jahr auf den Weltmarkt. Erlös: hundert Millionen Euro. So vorsichtige Schätzungen der World Society for the Protection of Animals (WSPA), einer Organisation mit Beraterstatus bei UNO und Europarat. Traditionelle chinesische Medizin wird auch im Westen gern genommen. Sie hat den Nimbus des Respekts vor der Natur. Dabei darf man das Wort „Produkt“ ruhig im industriellen Sinn verstehen, nicht nur, aber besonders brutal bei Bärengalle. Die wird „gewonnen“ in Bärenfarmen, die hiesige Geflügelfarmen aussehen lassen wie Reformknäste.

Rund neuntausend Bären vegetieren eingepfercht in Käfigen, oft kleiner als sie, mit Stahlrohren im Bauch zum „Gallemelken“. Todtraurige Tiere mit eiternden Wunden, von Ungeziefer zerstörtem Fell, vom verzweifelten Beißen in die Gitter abgebrochenen Zähnen sind der andere Preis für eine kostbare Substanz, die sich problemlos synthetisch herstellen lässt. Aber das will kaum jemand wissen.

Christian Böhm weiß es. Er ist Zollamtsrat, seit zwanzig Jahren beim Abfertigungsdienst am Flughafen Tegel und seit 2006 dessen Leiter. Zu seinen Aufgaben gehört, die Einfuhr geschützter Tiere und Pflanzen zu verhindern, ob tot oder lebendig, im Stück oder in Auszügen. Welche das sind, steht im Cites, dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen, das seit 1975 in Kraft ist und 1997 Grundlage einer EG-Verordnung wurde: gut 5000 Tier- und 28 000 Pflanzenarten. Wie viele er auf Anhieb kennt? „Bei den Tieren so tausend“, schätzt er, „Raubkatzen, Bären, Affen, Reptilien, Korallen, Muscheln, Meeresschnecken, die beliebtesten Mitbringsel der Deutschen.“ Bei den Pflanzen seufzt er: „Den grünen Daumen hat eher meine Frau, aber was am häufigsten vorkommt, kenne ich – die Orchideen, die Aloe-Arten.“ Und wenn Fernreisende mit Flora im Gepäck aus dem Flieger fallen, ist die Lage ohnehin übersichtlich. Schnittblumen dürfen rein, vom hawaiianischen Blumenkranz bis zur Thai-Orchidee. Samen und alles, was Erde dran hat, sind tabu. „Selbst wenn’s nicht unter Artenschutz steht, es geht um Schädlinge, die in der Erde sein können. So was wie die Miniermotte, die ist entweder durch Verpackungsholz oder Erde hierher gekommen, hat sich explosionsartig vermehrt und schädigt jetzt die Kastanien.“

Wer mit exotischen Pflanzen handelt, braucht Zertifikate. Wer als Tourist in Mexiko einen Kaktus für den Wintergarten ausbuddelt, kriegt ihn abgenommen und ein Bußgeld aufgebrummt. Ein Dutzend Überreste solcher Souvenirs dämmern klimageschockt in granulatgefüllten Töpfen in Böhms kleiner Asservatenkammer. Untergebracht in einem nüchternen Büroraum im orangebraunen Zweckbau der Frachtabfertigung von TXL zwischen Flugfeld und Laubenkolonie ist sie ein veritables Gruselkabinett für Leute mit empfindlichem Magen. Mitten im Raum schwebt ein ausgestopfter Riesen-Uhu, das Regal darunter beherbergt Kaiman und Tukan, rechts an der Wand sieht’s aus wie früher im Hamburger Hafen beim Trödler. Schlangenlederschuhe und -taschen, Python- und Kobrahäute, hauchfein abgehobelte Platten von Schildkrötenpanzern, Nashornenden, abgebrochene und geschliffene Korallenstücke. Allesamt illegal importiert. Auch die wunderschönen Gehäuse der Meeresschnecken sind verboten, was Touristen oft nicht ahnen. „Die werden in der Karibik gegessen“, erklärt Böhm, „die kriegen Sie gegrillt im Restaurant, und hinter der Küche liegen ganze Halden von Gehäusen.“ In Ländern, die zwar zu den 170 Unterzeichnerstaaten von Cites gehören, aber eben auch vom Tourismus leben. „Oder mein ’Lieblingsstück’, der grüne Leguan“, er schüttelt den Kopf: „Den haben wir einem Reisenden aus Kuba abgenommen, und der hat sich fürchterlich aufgeregt.“ Er habe den im Flughafen von Havanna gekauft, im Duty Free Shop. Kann nicht sein! „Da ist Polizei, Zoll, das ist ein geschütztes Tier auch in Kuba – nee! Zwei Tage später kam er wieder mit seiner Videokamera.“ Er hatte den Shop gefilmt, mit ausgestopften Leguanen zwischen Zigarren und Rum. Zurückgekriegt hat er seinen trotzdem nicht.

Das Perverseste, was Böhm je beschlagnahmt hat, ist eine Bengalkatze, die statt der Augen Glühlämpchen hat „und hinten raus ein Kabel mit Stecker: zur Lampe umgebaut.“ Vor allem aber stapeln sich Arzneien in den Regalen. „Tigerpflaster – die Antwort auf unser ABC-Pflaster“, Böhm reißt ein Zellophantütchen auf. Es riecht nach Kampfer und Menthol. „Aber Tigerknochen ist auch drin. Und Tiger sind geschützt. Oder hier –“, er nimmt Wachskugeln aus einer Packung, „Seal’s Pills, die werden in heißem Wasser aufgelöst und getrunken“. Gegen allgemeine Schlaffheit, auch erektile, Depressionen, Gedächtnis- und Haarverlust. „Ein echtes Breitbandtonikum!“ lacht er und zeigt auf seine auch nicht mehr üppigen Haare. „Für uns geht’s darum: Was ist drin ?“, sagt er. Die Antwort ist nicht immer so leicht wie hier, wo es in Englisch draufsteht: Seal heißt Seehund. Das hübsche bunte Etikett zieren zeichnerische Annäherungen an einen Hirsch, einen Gekko und ein Walross und vietnamesische Erklärungen. „Wir hatten hier zum Glück auch eine Packungsbeilage mit den Fachnamen. Odobenus rosmarus – Walross. Rhizoma cibotium - geschützte Arzneipflanze.“ Plus Hirschhorn und -penis. Nur der Gekko und die asiatische Ginsengwurzel sind erlaubt. Hier finden sich auch die Darreichungsformen der Bärengalle, die vor allem chinesische Beschriftungen haben. Böhm kann inzwischen die gängigsten chinesischen Zeichen und ihre Pinyin-Umschrift, die standardisierte latinisierte Form. Britische und niederländische Kollegen haben Listen erstellt, er selbst sitzt an einer ähnlichen für Vietnamesisch, das in Deutschland mehr „Tradition“ hat, nicht zuletzt wegen der DDR-Vertragsarbeiter.

Arznei aus Asien steht auch in großen Flaschen in Böhms Kammer des Schreckens, in die er regelmäßig Kollegen zur Fortbildung und Schulklassen zur Sensibilisierung bittet. „Schlangenwein gegen Rheuma.“ In einer trüben, braunen Flüssigkeit sind Giftschlangen, Gekkos, Vögel, Wurzeln kunstvoll arrangiert für den heilsamen Schluck aus der Pulle. Europäer kriegen da eher keine Pfützchen auf der Zunge. Auch nicht bei gegrillten Affen, die manchen Afrikanern als Delikatesse gelten und eingeschmuggelt werden. Aber von kultureller Arroganz hält Christian Böhm gar nichts. „Wir sind für andere Kulturen abartig, weil wir Schweinefleisch essen.“ Nur, Affen sind nun mal erstens geschützt, „und zweitens Krankheitsüberträger, und ich möchte mir nicht ausmalen, was los ist, wenn wir mal einen nicht finden und nach einem Festgelage bricht hier Ebola aus“. Vom Thema Tierquälerei ganz abgesehen. Zwei einsame Makaken, die einem kein Zoo abnehmen will, weil sie nicht in die Herde finden würden, ägyptische Schildkrötchen, mit Klebeband sediert in einer Damenhandtasche, giftige Schlangen und Spinnen, Papageien, Katzen ohne Impfschein, Kampfhunde, die in Brandenburg erlaubt sind, in Berlin aber nicht, auch einen kleinen Elefanten hatten sie schon. Viel Arbeit für die Veterinärkontrollstelle, die jeder Flughafen mit EU-Außengrenze hat und die auch für Lebensmittel zuständig ist. Aber kein „Aufgriff“ war für Böhm so spektakulär wie die Jagdfalken. Und so mysteriös. An Heiligabend 2000 taucht in TXL eine Fehlverladung auf: „Ein Samsonitekoffer, der kam schon aus Ulan-Bator und sollte über Moskau nach Dubai.“ Einer der Verlader hört Kratzgeräusche. Der Koffer wird durchleuchtet. „Und drin waren acht mongolische Jagdfalken, medikamentös ruhiggestellt und in Drahtrollen geklemmt. Einer war erstickt und drei schwer verletzt. Finden Sie mal um die Zeit einen Tierarzt oder Falkner!“ Irgendwann nachts haben sie einen, der beides ist und in Spandau wohnt. Ein Jahr später ein fast identischer Aufgriff: Diesmal klemmen die Vögel in Holzkisten, zwei kommen tot an. Die überlebenden werden aufgepäppelt, 2002 von Mongolian Airlines, Bundesamt für Naturschutz und Zoll gemeinschaftlich zurückgeflogen und in ein Auswilderungsprojekt gegeben.

Das ist keine private Dusselei mehr, das ist organisierte Kriminalität, so wie Produktpiraterie. Teure Markenware, teilweise unglaublich gut gefälscht und nicht selten lebensgefährlich. Welche Giftfarben in dem Plüschtier stecken, aus was die vermeintlichen Viagras oder gar Herztabletten wirklich bestehen – kein Mensch weiß das. 131 Aufgriffe zum gewerblichen Rechtsschutz, wie es korrekt heißt, hatte allein der Zoll TXL im Jahr 2006, dazu 569 im Rahmen des Artenschutzes konfiszierte Exemplare. Bei knapp zwölf Millionen Passagieren und etwa doppelt so vielen Tonnen Fracht sind das Peanuts im Vergleich zu Frankfurt/Main. Aber noch hat Berlin auch fast keine direkten Fernflüge. Mit dem Großflughafen Schönefeld wird sich das ändern. Dort wird der Zoll nicht mehr anhand von Flugtickets rausfiltern, wessen Gepäck auf der Maschine aus Madrid oder Amsterdam oder München ursprünglich aus Südostasien, Lateinamerika oder Afrika kommt und innerhalb der Grenzen von Schengen noch nicht kontrolliert wurde. Dort wird es auch eine zentrale Zollkontrolle geben. Schönefeld wird Berlin noch attraktiver machen – für das globale kriminelle Big Business mit Piratenprodukten, Tieren und Pflanzen, Rauschgift, Waffen und Embargo-Gütern. Vielleicht auch für die kleinen touristischen Möchtegern-Freibeuter, für die Christian Böhm oft Verständnis hat. „Und ein T-Shirt für den privaten Gebrauch, auf dem ein nicht-lizenziertes Lacoste-Krokodil ist, nehmen wir niemandem weg.“

Beim Artenschutz dagegen gibt’s keinen Ermessensspielraum. Das wird teuer.

Informationen zum Thema im Netz

www.artenschutz-online.de.

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