Berlin : „Das haben wir der Mutter nicht zugetraut“

Nach dem Urteil gegen die Mutter, die ihr Kind verhungern ließ: Jugendamt und Jugendaufbauwerk sehen keine Versäumnisse

Reinhart Bünger

Nach der Verurteilung der 22-jährigen Veronika W. zu lebenslanger Haft wegen grausamen Mordes an ihrem zweijährigen Sohn Alisan-Turan sind sich die mit dem Fall befassten Ämter und Einrichtungen keiner Schuld bewusst. Sie haben keine Erklärung dafür, warum die Mutter ihr Kind qualvoll verdursten ließ – und sehen auch keine Versäumnisse. Das Jugendamt Charlottenburg-Wilmersdorf und das Jugendaufbauwerk hätten bis zum Ende der Betreuung im März 2001 alles für die junge Mutter getan; zu Fehlern und Fehleinschätzungen sei es dabei nicht gekommen, heißt es. Sowohl der sozial-pädagogische Dienst des Jugendamtes als auch das Jugendaufbauwerk, das die Mutter zuletzt betreute, kamen nach einer erneuten Sichtung ihrer Akten zu dem Schluss, dass Veronika W. professionell behandelt wurde.

Gleichwohl hat der Fall bei den Sozialarbeitern emotionale Wunden hinterlassen. Die Mutter-Kind-Betreuerin, die Veronika W. in ihrer 1999 vom Jugendaufbauwerk angemieteten Wohnung wöchentlich rund 17 Stunden besuchte, ist bis heute dienstunfähig geschrieben. Im März 2001 löste sich die Verbindung der jungen Mutter zum Jugendhilfeträger. „Wenn die jungen Frauen den Wunsch nach Betreuung nicht mehr haben, macht es nur noch wenig Sinn“, sagt Marianne Bauer, stellvertretende Leiterin der Einrichtung Fontanepromenade.

Bevor die Betreuung beendet wurde, organisierte das Jugendaufbauwerk noch die weitere Hilfe durch das Sozialamt. Der Mutter das Kind wegzunehmen, sei „nie ein Thema“ gewesen, so Bauer. „Bei unseren Besuchen war immer alles o.k..“ Die Mutter sei dabei mit Alisan-Turan immer sehr fürsorglich umgegangen. Warum Veronika W. ihr Kind im Stich ließ, kann sich im Jugendaufbauwerk auch nach dem Urteil niemand erklären. „Dass sie das Kind geistig wegsortiert, hätte ihr niemand zugetraut“, sagt Regionalleiterin Gabriele Rülk-Berse. Der für Jugend, Familie, Schule und Sport zuständige Stadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann (SPD), erklärte anlässlich des Falles Veronika W. „ein waches Auge auf die Umgebung“ zur ersten Bürgerpflicht.

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