Berlin : "Das Haus am Werderschen Markt": Verwirrende Geschichte

Jürgen Schmädeke

Die Wilhelmstraße war einst in der internationalen Politik eine bekannte und angesehene Adresse: Hier standen das Reichskanzleramt, zahlreiche Reichs- und preußische Ministerien und nicht zuletzt das Auswärtige Amt. Davon ist so gut wie nichts geblieben. Das Auswärtige Amt bezog am Werderschen Markt einen Altbau der NS-Zeit mit nachfolgender DDR-Nutzung. Ganz nahebei residiert, bis zur Fertigstellung des neuen Kanzleramtes im Spreebogen, der Bundeskanzler in Honeckers Staatsrats-Domizil; aus dessen Fassade sticht jenes Portal des königlichen Schlosses hervor, von dem herab 1918 Karl Liebknecht die sozialistische Republik verkündete. Eine verwirrende Geschichtslandschaft ist das also, in der sich heute das Auswärtige Amt befindet, ganz in der Nähe, wo nach der Wende als architektonische Scheußlichkeit das abgerissene Außenministerium der DDR stand und nun eine Kopie der Bauakademie Friedrich Schinkels wieder erstehen soll.

Dass der Werdersche Markt in dieser Mischung der Epochen ein ähnliches Markenzeichen werden wird wie einst die Wilhelmstraße, ist kaum anzunehmen. Da ist es gut, dass ein umfangreicher, üppig bebilderter und - da alle Beiträge in Deutsch und Englisch abgedruckt sind - sicher auch für Staatsgäste als repräsentatives Geschenk geeigneter Band die historischen Schichten ordnet. Herausgegeben ist er von Hans Wilderotter, Autor eines Buches über die Staatssymbolik der Wilhelmstraße (Alltag der Macht).

Den neuen Band beginnt er mit einem Überblick über "politische Architektur in Berlin", der diese Symbolik und ihren Wandel vom königlich-preußischen und kaiserlichen Berlin bis zur Gegenwart verfolgt. Daran schließt eine Geschichte des vom Großen Kurfürsten 1662 mit einem "Frey- und Schutzbrief" geförderten Bezirks an, des "nach Unserem Namen genenneten ... Friedrichs-Werders". Hier entwickelte sich aus der "Kgl. Giro- und Lehnbanco" von 1765 die "Preußische Bank" (1849) und die "Reichsbank" (1876) - unter Entfaltung immer größeren Platzbedarfs, der 1934 bis 1937 in den riesigen Erweiterungsbau mit 550 000 Quadratmeter umbautem Raum mündete. Dafür wurde ein ganzes altes Stadtquartier abgerissen. Nach dem Flughafen Tempelhof ist der Komplex bis heute das zweitgrößte Gebäude der Stadt, vor Görings Reichsluftfahrtministerium, dem Reichstag und dem von Ulbricht gesprengten Berliner Schloss.

Hitler, Goebbels und Göring kamen zur Grundsteinlegung. Im Krieg dienten die Keller dem Schutz von Kunstwerken aus den Museen ebenso wie der Aufnahme von Wertgegenständen und Goldzähnen deportierter und ermordeter Juden. Bei Kriegsende erschien der Bau äußerlich fast unberührt, aber er war großenteils ausgebrannt. Das "Berliner Stadtkontor" als von den Alliierten installierte Bank zog ein, dann von 1949 bis 1958 das DDR-Finanzministerium, schließlich nach umfangreichen Umbauten das Zentralkomitee der SED. Hier wurde der Bau der Mauer beschlossen. Nach deren Fall Ende 1989 und mit dem Zerfall der Macht der SED leerte sich der Riesenbau, nach der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 wurde er zum "Haus der Parlamentarier". Mit der Vereinigung am 3. Oktober 1990 endete auch diese Etappe.

Der letzte grundlegende Umbau seit 1995, nach Plänen des Architekten Hans Kollhoff, der zum Teil Strukturen des durchaus architektonisch "modernen" Gebäudes der 30er Jahre freilegte und die Um- und Einbauten der DDR-Zeit bis auf wenige Reste beseitigte, schuf schließlich das neue Gehäuse für das Auswärtige Amt. Dessen vorgesetzter Anbau mit seinen großen und lichten Innenhöfen, den Thomas Müller und Ivar Reimann entwarfen, nimmt die Struktur des Altbaues auf, ohne sie einfach zu kopieren.

All das ist im Zusammenhang von Architektur und politischer Symbolik in den Beiträgen von Hans Wilderotter (der auch ein Gespräch mit Hans Kollhoff dokumentiert), Peter Kroos, Andreas Marx, Wolfgang Schäche und Sebastian Redecke kompetent dargestellt. Dazu kommen Artikel, in denen die architektonische um die politische Dimension ergänzt wird: von Harold James über die Reichsbank, von Jochen Staadt/Manfred Wilke über das ZK der SED, von Gerd Poppe über die bewegte Zeit des Jahres 1990.

Ein Thema bleibt ausgeblendet: über Geschichte, Gegenwart und Perspektiven deutscher Außenpolitik findet der Leser nichts in diesem Band. Nur ganz am Anfang wagt in einem Vorwort Außenminister Joschka Fischer einen kurzen Blick zurück und nach vorn: Das Buch beleuchte "auf ebenso eindrucksvolle wie interessante Weise die facettenreiche Geschichte dieses Ortes, der künftig für die Außenpolitik steht".

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