Berlin : Das Herz schlägt in der Mitte

Was wird aus Berlins Zentrum? Die Meinungen sind geteilt. Hier geht die Debatte weiter – um die Zukunft unserer Stadt.

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Um die IBA in Berlin-Mitte gab es viel Streit. Jetzt steht sie vor dem Aus.
Um die IBA in Berlin-Mitte gab es viel Streit. Jetzt steht sie vor dem Aus.Foto: Caro / Muhs

Über keinen Ort in Berlin wird in diesen Tage heftiger diskutiert als über den Stadtkern. Die Leere vor dem Roten Rathaus, die Verkehrsschneisen dahinter, der unwirtliche Alexanderplatz – ein Areal, dessen städtebauliche Figur aus DDR-Zeiten allenfalls aus der Vogelperspektive erkennbar ist, gehört zum historischen Zentrum Berlins. Aber dieser Ort wurde der Stadtgesellschaft entrissen, entfremdet und Schauplatz von Trinkgelagen und Gewaltexzessen.

Lange herrschte Schweigen über unsere Mitte – hier die Stimme zu erheben, das war durchaus ein geschickter Zug von SPD-Chef Jan Stöß. Es gelte, das verlorene Zentrum für alle Berliner zurückzugewinnen, sagte er dem Tagesspiegel – und schlug vor, das Gebiet zwischen Fernsehturm und Schlossplatz, die Breite Straße hinunter bis zum Petriplatz, von dort bis zum Molkenmarkt und darüber hinaus bis zur Karl-Marx-Allee ins Zentrum der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2020 zu stellen. Stöß eckte an, stieß aber auch eine Debatte an, in der Befürworter des Vorschlags um Kulturstaatssekretär André Schmitz und die CDU-Fraktion das eine Lager bilden, dessen Gegner um Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und Teile der SPD-Fraktion das andere.

Was braucht unsere Stadt und wozu dient eine Internationale Bauausstellung? – diese Fragen gilt es zu beantworten. Da aber die Mitte auf dem Spiel steht, geht es auch um die Geschichte Berlins, sein kulturelles Erbe, sein Herz und seine Wurzeln, die tief unter das Pflaster hinunter reichen, verborgen und versiegelt, aber nicht verloren.

Der Streit um die IBA und den Stadtkern dreht sich nicht zuletzt um den richtigen Maßstab für die Stadt der vielen Zentren. Die Pläne für den Alexanderplatz mit seinen Türmen, den gebauten und geplanten, gerät ins Wanken. Nicht einmal ausgelotet ist der Maßstab für den benachbarten Stadtkern. Blockausfüllende Großbauten, Renditegiganten eines kleinen Kreises von Kapitalsammelstellen sind Unter den Linden und an der Friedrichstraße zu besichtigen: Menetekel vertaner Chancen bei der früheren Rekonstruktion der Stadt. Es wird also nicht nur darüber zu streiten sein, ob und wie Berlin am Rathausforum wiederbelebt werden kann, sondern auch über die Größe neu entstehender Parzellen. Eine drängende Frage, die schon beim Rückbau der Verkehrsschneisen an der Breiten Straße und am Molkenmarkt zu beantworten ist, wo beschlussreife Pläne vorliegen.

Die Debatte um Mitte hat gerade erst begonnen. Unsere Stadt hat es verdient, dass sie geführt wird, in aller Offenheit und mit der Vielfalt der Stimmen, wie hier und heute.

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