Berlin : „Das ist eine Art Pascha-Test“

Die Soziologin Necla Kelek verteidigt den Muslim-Fragebogen in Baden-Württemberg

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Seit Wochen wird über einen Fragebogen diskutiert, mit dem das baden-württembergische Innenministerium die Gesinnung der Muslime überprüfen will, die eingebürgert werden möchten. Sie haben das Innenministerium bei der Entwicklung des Fragebogens beraten. Was war Ihnen wichtig?

Das Innenministerium hat mir die Fragen geschickt und wollte meine Meinung wissen. Ich fand die Fragen in Ordnung. Schließlich hat der deutsche Staat ein Recht zu erfahren, was in den Köpfen der Leute vor sich geht, die eingebürgert werden wollen. Denn wer die Werte nicht akzeptiert, die sich in unserer Verfassung widerspiegeln, kann doch kein Deutscher werden, glaubte ich zu wissen.

Die Verfassung schreibt aber nicht vor, wie Eltern mit ihrem Kind umzugehen haben, das homosexuell ist. Der Fragebogen will aber genau das wissen. Das geht den Staat doch gar nichts an.

Doch. Einer der Pfeiler unserer Demokratie ist doch das Selbstbestimmungsrecht eines jeden, also auch homosexueller Kinder gegenüber Eltern. Außerdem will man mit den Fragen gezielt herausfinden, wie Muslime zu Dingen stehen, die in ihrer Heimat verboten sind. Dort werden Homosexuelle mitunter gesteinigt.

Viele Fragen zielen auf das Selbstverständnis der Männer ab. Warum?

In traditionellen muslimischen Familien haben Männer das Sagen und üben Gewalt aus, wenn man ihnen nicht folgt. Der Fragebogen ist eine Art „Pascha-Test“.

Muslime kritisieren, dass sie unter Generalverdacht gestellt würden. Auch Innensenator Ehrhart Körting hat den Fragebogen als diskriminierend zurückgewiesen. Verstehen Sie das?

Nein, denn Muslime, die nach westlichen Werten leben – und nur ihnen werden die Fragen fremd vorkommen – müssen sich nicht angesprochen fühlen. Außerdem sollen die Fragen nur im Verdachtsfall gestellt werden. Wenn Sie an den Fall Kaplan denken, dann ist es sogar notwendig.

Auch deutsche Familienväter würden unter Verdacht geraten, würde man ihnen diese Fragen stellen. Auch hier gibt es welche, die ihren Töchtern keine freie Berufswahl gestatten, auch unter Deutschen gibt es Antisemiten.

Aber darum geht es doch hier nicht. Wenn ich einen Muslim, der Deutscher werden will, nach seinen Kenntnissen über die Verfassung frage, muss ich doch nicht gleich jeden Deutschen befragen. Dass es Neonazis gibt, ist ein Problem. Aber ein ganz anderes. Wenn alles gleich in einen Topf geworfen wird, können wir doch gar nichts mehr problematisieren.

Vielleicht ist ein bürokratischer Fragebogen das falsche Mittel?

Es ist ja kein Fragebogen, den man ausfüllen muss. Es ist ein Gesprächsleitfaden, eine Hilfe für die Beamten in den Behörden, die keine multikulturelle Kompetenz besitzen, die nicht wissen, was zum Beispiel Ehre für einen türkischen Mann bedeutet. Viele Beamten ahnen gar nicht, dass es etwa muslimische Männer gibt, die drei Ehefrauen haben oder Ehrenmorde gutheißen. Und die einen Pass bekommen haben, weil sie die Formalien erfüllt haben. Den meisten Deutschen ist es doch egal, wer den deutschen Pass bekommt.

Hat Sie die Kritik an dem Gesprächsleitfaden überrascht?

Sie hat gezeigt, dass Muslime unter Naturschutz stehen. Nicht mal fragen ist erlaubt. Aber offenbar empfinden tatsächlich viele die Fragen als nicht konstruktiv. Das sollte man ernst nehmen. Schließlich wollen wir ja, dass sich die Leute mit Deutschland identifizieren. Deshalb sollten wir den baden-württembergischen Leitfaden weiterentwickeln – zusammen mit denen, die Kritik geübt und vielleicht bessere Ideen haben, wie man ein Einbürgerungsgespräch führen könnte.

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