Berlin : „Das ist mein Lieblingslied“

Einbürgerungen sind jetzt Feierstunden: In Spandau sangen 35 Neubürger die deutsche Nationalhymne – begeisterter als jeder Politiker

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Von Amory Burchard

Der junge Libanese will schon beim Soundcheck aufspringen. Gleich beginnt im Rathaus Spandau die Einbürgerungszeremonie. Bürgermeister Konrad Birkholz (CDU) ist auch nervös. Zum ersten Mal sollen 35 Neubürger ihren Pass nicht im Büro des Bürgeramts bekommen, sondern in einer Feierstunde. Höhepunkt der Zeremonie: das gemeinsame Singen des Deutschlandliedes.

Birkholz startet in den Minuten vor der Begrüßung ein paar Mal die Hymnen-CD. Der Noch-Libanese ruft spontan aus: „Sehr schön, das ist mein Lieblingslied.“ Die Nationalhymne zu hören, sagt er, „löst ein schönes Gefühl aus“. Am Ende der Feier, nachdem der Bürgermeister ein „Herzlich Willkommen, Nachbarn“ ausgerufen hat, freut sich der Deutsche libanesischer Herkunft: „Ich habe das Gefühl, ich bin einer von euch.“ Die Hymne hat er vom zuvor verteilten Blatt gesungen, zaghaft, aber mit Überzeugung.

Szenenwechsel: In der U-Bahn Richtung Rathaus Spandau fragen wir einige Deutsche, wie sie es mit dem Deutschlandlied halten und ob sie die Spandauer Mitsing-Initiative begrüßen. Große Schwierigkeiten habe sie mit der Hymne, sagt eine 69-jährige Rentnerin. Als Schulkind habe sie täglich das Horst-Wessel-Lied singen müssen. „Das war mir so verhasst, da ist mir nie wieder eine Nationalhymne über die Lippen gekommen.“ Auf der nächsten Bank sitzt ein junger Mann. „Deutschlandlied?“, fragt er zurück. „Hab’ ick nüscht dajegen.“ Bei „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ würde er zwar nicht in Euphorie ausbrechen. „Aber“, fügt er hinzu, „zur Fußball-WM passt es.“ Und zu einer Einbürgerungszeremonie? Ist es eine gute Idee, Neubürger das Lied der Deutschen singen zu lassen? „Klar, wenn sie jetzt hier leben, sollten sie es auch können“, sagt der Malergeselle.

Kein Problem für die Festgemeinde im Bürgersaal. So gut wie die meisten hier geborenen Deutschen sind sie schon damit vertraut. Eine Erzieherin aus dem Iran, die mit ihrem Mann, drei größeren Söhnen und einem Baby gekommen ist, freut sich, den Text schwarz auf weiß in Händen zu halten. „Wir haben immer schon versucht, das Lied zu verstehen, wenn es im Fernsehen kommt“, sagt sie, „aber die singen ja so undeutlich.“ Ihr Mann fragt, was „des Glückes Unterpfand“ bedeute. Er versteht die Erklärung, nickt und sagt: „Das sind doch schöne Worte, oder?“

So denkt man auch in Tempelhof-Schöneberg, wo der Bürgermeister das Deutschlandlied schon vor einem Jahr mit seinen neuen Mitbürgern sang, nachdem zuvor nur die Melodie gespielt wurde. Reinickendorfs First Lady Marlies Wanjura (CDU) plant ebenfalls eine zentrale Feierstunde, wahrscheinlich mit Nationalhymne. Bedenken äußert Sozialstadtrat Wilfried Nünthel (CDU) in Lichtenberg: Das Mitsingen dürfe nicht als Prüfung angesehen werden. Im Ost-West-Bezirk Mitte gibt man sich moderat. Bei Einbürgerungsfeiern wird zukünftig die Musikschule eingespannt – für eine konzertante Aufführung der Nationalhymne. „Sonst könnte es peinlich werden“, fürchtet der Leiter des Amtes für Bürgerdienste. Man wolle niemanden mit dem Text überfordern – weder die Mitarbeiter des Bezirksamtes noch die Neubürger.

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