Berlin : „Das ist schon Körperverletzung“

Im Steglitzer Kreisel-Hochhaus wird vor Asbest gewarnt: Der Belegschaft ist mulmig, Besucher haben ein komisches Gefühl

Christian van Lessen

Yusuf Atci hat auf den ersten Blick ein schönes Büro. Modern möbliert und hell, mit tropischen Pflanzen und einem spannenden Blick vom 13. Stock auf die Schloßstraße. Auf den zweiten Blick sind auf den vier glasfasertapezierten Pfeilern im Raum Hinweise mit einem großen „A“ zu erkennen: Darunter steht, in kleiner Schrift: „Achtung, enthält Asbest“. Hier dürfen keine Nägel geklopft, keine Bilder aufgehängt werden, weil sonst bedrohlicher Staub aufgewirbelt werden könnte. Wenn aus Versehen einer der Stühle gegen die Wand stößt, hält Yusuf Atci reflexartig die Luft an.

„Das ist schon Körperverletzung, was hier passiert“, sagt er . Es ist kein schönes, es ist ein gefährliches Büro, in dem der 47-Jährige im Steglitzer Kreisel arbeitet. Atci ist Vorsitzender des Personalrats im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, arbeitet seit 1986 im Hochhaus. Warnhinweise wie in seinem Büro gibt es in allen anderen Büros des Rathaus-Riesen. Fast 800 Bezirksamtsmitglieder arbeiten hier. Gutachter ermittelten zwar keine akuten Gesundheitsgefahren, es gibt regelmäßige Kontrollen und kleinere Asbest-Sanierungen. Aber eine Studie, die heute im Bauausschuss des Abgeordnetenhauses diskutiert wird, kommt zu dem Ergebnis, dass es für das vergiftete Hochhaus nur zwei Alternativen gibt: Totalsanierung oder Abriss.

Die Stimmung in der Belegschaft ist gedrückt. Asbeststaub, der durch defektes Dämmmaterial dringt, möglicherweise über die Klimaanlage oder durch die Aufzugsschächte durchs Haus gepustet wird, wirkt wie ein schleichendes Gift. „Das ist wie eine Verstrahlung“, sagt Atci. Viele Mitarbeiter verdrängten die Sorge. Auf einem Flur sagt aber ein Mitarbeiter deutlich: „Ich habe Angst, und ich habe mich lange gesträubt, in dieses Haus zu ziehen.“ In einem der Aufzüge unterhalten sich Beschäftigte über mögliche Asbest-Gefahren: „Im Keller fliegt das Zeug durch die Gegend, da ist nichts abgedichtet.“ Besucher die das mithören, kommen ins Grübeln. „Mir wird langsam mulmig“, sagt eine junge Frau. Das Hochhaus ist das zentrale Bürgerzentrum des Bezirks, Tausende besuchen täglich das Gebäude. Hier arbeiten das Sozialamt, das Jugendamt, das Bürgeramt. Etliche Besucher zeigen sich am Dienstag unbeeindruckt von der Asbest-Diskussion, „das ist alles Spinnerei“, sagt ein Mann auf dem Gang im Sozialamt. „Ich habe andere Sorgen“. Bei der Kita-Anmeldung oder in der Bürgerberatung sprechen Besucher über Asbest. Sie haben keine Angst, aber oft „ein komisches Gefühl“.

Im Treppenhaus, in dem Warnschilder kleben oder auch schon abgerissen worden sind, fallen feuchte Flecken an den Decken auf. Beschäftigte fürchten, aus dem Dämmmaterial dahinter könnten sich Asbestfasern lösen und in die Luft gelangen. In Büros werden defekte Decken schnell ausgewechselt. Auch bei Yusuf Atci entstand solches Flickwerk überm Fenster. Er hofft auf baldigen Auszug. „Es muss endlich entschieden werden, wie es weitergeht.“

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