Berlin : Das ist Spitze

Der Fernsehturm feiert Geburtstag. 55 Millionen Besucher wurden seit 1969 gezählt.

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Schnapszahl-Jubiläum. Gebaut in den Jahren des Kalten Kriegs, ist der Fernsehturm am Alexanderplatz längst ein Wahrzeichen der gesamten Stadt geworden. Foto: Thilo Rückeis
Schnapszahl-Jubiläum. Gebaut in den Jahren des Kalten Kriegs, ist der Fernsehturm am Alexanderplatz längst ein Wahrzeichen der...

Der Fernsehturm am S-Bahnhof Alexanderplatz hatte am Donnerstag ein Schnapszahl-Jubiläum: Er wurde 44 Jahre alt. Der Zufall und der 20. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1969 wollten es, dass das damals mit 365 Metern höchste deutsche Gebäude just an jenem 3. Oktober eröffnet wurde, der seit 23 Jahren Tag der Deutschen Einheit ist. Der Turm und die Bundesrepublik haben also immer am gleichen Tag Geburtstag, beide sind Waage, ausgleichend, allem Schönen zugetan. 21 Jahre verbrachte die Betonröhre als „Fernseh- und UKW-Turm“ ihre Jugend in der DDR, dann kam sie unter den Bundesadler, der nun schon seit 23 Jahren um die silberne Kugel über Berlin kreist. Zur Feier des Tages sollte am Abend die Turm-Kugel hell angestrahlt werden, bis 20. Oktober wiederholt sich dieses kleine Schauspiel jeden Abend. In den 44 Jahren seines Bestehens haben bisher rund 55 Millionen Besucher aus 90 Staaten der Erde von der Aussichtsetage und dem Restaurant den Blick über Berlin schweifen lassen, an Spitzentagen fahren 5000 Gäste auf den Turm, Turm-Chefin Christina Aue hofft, in diesem Jahr die 1,3-Millionen-Grenze zu erreichen.

Stets bietet sich das immergleiche Bild: babylonisches Sprachgewirr in der Eingangshalle, eine gut geordnete Schlange, der in Englisch und Deutsch versichert wird, dass es vom Kauf der Eintrittskarte bis zur Auffahrt etwa eine Stunde dauert – der Kaufhof und die umliegenden Cafés freuen sich darüber. „Hier ist alles abgebildet, was man sich als Kundensegment überhaupt vorstellen kann“, sagt Christina Aue, „und 30 Prozent aller Gäste kommen wieder.“ Weil es ihnen 207 Meter über Berlin so gut gefallen hat. Oder weil sich die Stadt permanent verändert: Wo vorgestern noch der Palast der Republik stand, war gestern eine grüne Wiese und ist heute eine Baugrube, eines fernen Tages steht dort eine Schloss-Kopie. Der Fernsehturm ist zu einem Wahrzeichen der Hauptstadt und des ganzen Landes geworden.

Auch diese Tatsache hat ihre Geschichte. Es ist die Wahrnehmung des Zusammenwachsens, der gegenseitigen Achtung und des Respekts vor einer kühnen ingenieurtechnischen Leistung. Ein Blick zurück ins Jahr 1969 hat schon etwas Lächerliches, hier wurde eine Art Komische Oper gegeben. Walter Ulbricht, der Staatsratsvorsitzende und Turmbaumeister, hatte den Standort bestimmt. Nun, bei der Eröffnungszeremonie, sagt er: „Stolz erhebt sich im Zentrum der Hauptstadt der DDR dieser Turm. Im gewissen Sinne symbolisiert er die gewaltigen Leistungen unseres ganzen werktätigen Volkes beim Aufbau des Sozialismus.“ Mag ja sein, aber das schon damals von Pathos gesättigte Volk sprach von „Ulbrichts Renommierstengel“ oder „Walters Protzkeule“, zahlte fünf Mark und begab sich in 40 Sekunden in die Vogelperspektive. Wo war der Westen? Und die Mauer? Man sah sie kaum, konnte nur ahnen, dass es sie gibt. So schön, so groß und so in einem Stück lag die arbeitsame Stadt da unten, während sich die kleine S-Bahn über die Schienen schlängelte und die Spree im Sonnenlicht glänzte.

Wir waren mitten im Kalten Krieg, und deshalb nahm die Zehn-Zeilen-Meldung über die Turmeröffnung in unserem Tagesspiegel die Hälfte des Raums einer Anzeige ein, mit der Beate Uhse Verkäufer(innen) zwischen 25 und 35 Jahren mit einem Anfangsgehalt von 750 DM brutto suchte. Später überwog sparsames Lob für den Fleiß der Brüder im Osten, es gab ein wenig Häme über „Ulbrichts Propaganda-Turm“, dessen Fundament, laut dem West-Berliner „Kurier“, eine „glatte Fehlkonstruktion“ sei. Die „BZ am Abend“ konterte: „Der Fernsehturm steht auf ebenso sicheren Fundamenten wie unsere DDR.“ Unbestritten ist, dass die 140 Segmente der Kugel aus dem Edelstahl der Südwestfalen AG zusammengesetzt wurden (und bei Sonnenlicht ein Kreuz signalisieren – die Rache des Herrn für Ulbricht, der die Marienkirche ganz klein machen wollte). Der Tagesspiegel teilte sachlich mit, dass die Kugel „westfälisch verkleidet“ sei, und hoffte unbeirrt, „dass in absehbarer Zeit derartige Zusammenhänge selbst für Fremdenführer gänzlich uninteressant, weil selbstverständlich würden“. Bis dahin aber sollten noch 20 Jahre ins Land gehen.

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