Berlin : Das Jahr der Steine

Seit Mai 2005 gibt es das Holocaust-Mahnmal. Es prägt Berlin und die Besucher

Lothar Heinke

Wenn die tief stehende Sonne am Abend direkt über das Grün des Tiergartens strahlt, gibt sie jeder Stele einen langen Schatten und hüllt das Grau des Betons in ein sanftes Rosa. Man könnte sagen, es ist fast malerisch. „Das habe ich so noch nie gesehen“, sagt eine Anwohnerin, „die Natur zaubert. Manchmal ist es so, als ob das Stelenfeld lebt.“

Vor einem Jahr, am 10. Mai 2005, wurde das Holocaust-Mahnmal feierlich eröffnet. Seitdem ist es zu einem gewichtigen Teil des Lebens der Stadt geworden. Ein Magnet. Zehntausend kommen täglich, das Feld der 2711 Betonquader ist quasi der Mittelpunkt einer imaginären Geschichtsmeile: Vom Russischen Ehrenmal, an dem am Montag ans Kriegsende am 8. Mai 1945 erinnert wird, führt der Weg am Reichstag vorbei zum Brandenburger Tor. Parlament und Wahrzeichen lagen vor 61 Jahren in Trümmern. Dann teilte 28 Jahre lang die Mauer die Stadt, ihrem Verlauf kann der Tourist heute auf einer Doppelreihe von Pflastersteinen folgen. Sie führt direkt am Mahnmalgelände an der Ebertstraße vorbei zum neuen Potsdamer Platz, und zwischen beidem, hundert Schritte vom Stelenfeld entfernt, versammeln sich die Touristen mit ihrem Guide oft vor jener noch immer nicht mit einem Hinweisschild gekennzeichneten Stelle, an der einst der „Führerbunker“ stand, in dem sich Adolf Hitler erschoss.

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas hat nicht nur die Ministergärten verändert. Dieses 20 000 Quadratmeter große Areal mit seinen Steinquadern gegen das Vergessen verwandelte auch die Umgebung. Zwei neue Straßen entstanden. In einer, die den Namen der Schriftstellerin Hannah Arendt trägt, stehen die Reisebusse aus nah und fern. Das Mahnmal ist ein Haltepunkt, meistens steigen die Touristen aus, um das Feld der Stelen, das ein bisschen an die Häuserzeilen von Manhattan erinnert, zu fotografieren oder hineinzulaufen in das Nichts, in dem man Ohnmacht fühlen und Angst haben kann, oder auch nicht. Ein Mann aus Dresden, der gerade wieder in seinen Bus steigt, sagt, „auf die Steine hier oben“ hätte man verzichten können, auf die Ausstellung „da unten“ nicht. Wer in diesen Ort der Information unter den Stelen kommt, wird nach der obligatorischen Sicherheitskontrolle Teil und Zeuge von Schicksalen jüdischer Familien, „immer öfter suchen Angehörige Ermordeter in unserer Namensdatenbank Näheres über die Spuren, die ihre Lieben hinterließen“, sagt David Hoffmann, einer der Studenten, die hier die Besucher betreuen und ihnen zeigen, wie man in die Datenbank von Jad Vaschem kommt. Jan Guttstein („ein deutscher Jude“) schreibt ins Gästebuch: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, hat keine Zukunft. Denn Krieg und Vernichtung werden immer von älteren Herzen befohlen, sterben wird immer die Jugend.“ Ein anderer Besucher zitiert Voltaire: „Wir sind auch verantwortlich für das, was wir nicht tun.“

Das Mahnmal fördert sichtlich die Wirtschaft ringsum. Das Metzkes-Bistro, neben dem es einen stark frequentierten Durchgang zwischen der Behrenstraße und dem Pariser Platz durch die offene Akademie der Künste gibt, hat ebenso mehr Zulauf wie die Gaststätten und Cafés in der Wilhelmstraße. Idro Feriki, der Geschäftsführer vom italienischen Restaurant „Viale dei Tigli“, begrüßt ungleich mehr ausländische Gäste als vor einem Jahr, und das „bis in den späten Abend“. Ein Anwohner findet gerade die Lichtspiele im erleuchteten Mahnmal „so faszinierend wie die Natürlichkeit, mit der die Leute mit den Stelen umgehen: Sie liegen da, lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen oder sind zärtlich miteinander“. Auch zwischen den Stelen sind die Gedanken frei, „durch die Menschen bekommt das Mahnmal ungezwungen ein Gesicht“.

Die Stelen-Springer sind selten geworden, Schulklassen scheinen, anders als vor einem Jahr, zu wissen, wo sie sich befinden. Es ist kein Friedhof, aber ein Denkmal. Mit grauen, scharfkantigen Steinquadern als Denkanstoß. Gestern hat das erste Geschäft in der neuen, umstrittenen Ladenzeile eröffnet: Andenken. Und Bücher zum Denkmal. Eins hat den Titel „Ein Ort, an den man gerne geht“. Gerhard Schröder hat das gesagt, und er ist auch in das Haus gegenüber gezogen. Er hat Recht.

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