Berlin : Das Jahr des Hot Dogs

Wolfram Siebeck

Frau Hoffmann stürmt ins Zimmer, den dicken Schwanz aufgestellt, das Fell gesträubt. Sie springt auf den Sessel, von da auf die Fensterbank und sofort wieder auf den Teppich. Bevor ich Gelegenheit habe, sie nach ihrem Geisteszustand zu fragen, ist sie schon wieder weg. Was mag sie bloß so in Rage versetzt haben?

Ich habe eine Vermutung. Als sie zurückkommt, diesmal gewaschen und gekämmt, frage ich sie direkt: „Ist es wegen der Chinesen?“

Sie sieht mich von unten herauf missmutig an und knurrt: „Bei den Chinesen, bei den Chinesen bin ich noch nie gewesen. Warst du schon mal bei den Chinos?“

Ich wusste nicht, dass man in Katzenkreisen von Chinos redet. Ich kenne das Wort nur als Bezeichnung für einen Hosenstoff. Ob sein Gebrauch politisch korrekt ist, darüber will ich jetzt nicht nachdenken, will aber wissen, ob ich mit meiner Vermutung recht habe. Also sage ich:

„Frau Hoffmann, ich habe eine schlechte Nachricht für dich.“

Sie sieht mich an wie eine Portion Hühnerleber mit dreifach überzogenem Verfallsdatum: „Die Chinesen haben ihr neues Jahr getauft. Es ist das Jahr des Hundes.“ Sie liegt scheinbar unbeweglich auf dem Teppich, aber ihrem erneut gesträubten Fell sehe ich an, dass sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht. „Ich weiß. Sie sind auch noch froh darüber“, sagt sie. Ihre Anspannung lässt jetzt nach; sie leckt die linke Pfote.

„Ich weiß, was du über Hunde denkst“, sage ich. „Buddha hat den Chinesen zwölf Tiere ans Herz gelegt, der Hund ist nur eines davon. Das nächste Jahr widmen sie vielleicht dem Drachen. Oder der Ratte.“

„Gestern haben sie ihre Hunde wenigstens noch gefressen. Und heute stehen die plötzlich im Heiligenkalender? Das ist doch anormal!“

„Keineswegs. Das gibt es auch in anderen Gesellschaften. Denk mal an unsere Koalition! Gestern waren die einen noch ideologische Planungswirtschaftler und die anderen blutsaugende Kapitalisten. Heute sitzen sie gemeinsam im Kabinett bei Kaffee und Kuchen.“

Sie denkt tatsächlich darüber nach und schläft sofort ein. Ich gehe in die Bibliothek und blättere in den Kochbüchern über chinesische Küche. Kein Wort über gebratene Chow-Chows, kein Rezept für Zunge blau. Ob ich es ihr sage? Besser nicht. Man soll den Fremdenhass nicht provozieren.

Als Nächstes sehe ich Frau Hoffmann vor ihrem Fressnapf. Breit und bräsig liegt sie davor und mampft Brekkies. Während ich im Kühlschrank krame, was sie diesmal nicht ablenkt, sage ich leichthin: „Mediziner sind alarmiert über die Zunahme der Fettsucht. Wir essen zu viel Fett, zu viel Zucker, und überhaupt zu viel. Vor allem Fast Food hat einen katastrophalen Einfluss auf das Körpergewicht und damit auf die Gesundheit.“

„Du redest von euch Menschen. Wir essen kein Fast Food. Das weißt du doch genau. Wann hättest du mir denn mal einen Hamburger mitgebracht? Oder einen Hot Dog?“

Ich überlege, ob ich ihre Brekkies anführen soll, die ja nichts anderes sind als Fast Food, doch sie redet schon weiter: „Als wir in Berlin waren, hast du mir manchmal ein Wiener Schnitzel mitgebracht. Sogar eine Currywurst hast du mir versprochen.“

„In Berlin“, verteidige ich mich, „wird viel versprochen. Nicht nur im Wahlkampf. Denk an das Geld für Museen, an das Schloss; denk an die Konzerne, die ihre Prachtbauten am Potsdamer Platz aufgeben und wieder zurück in die Provinz wollen.“

„Warum wollen die zurück in die Provinz?"

„Ich nehme an, weil es dort nicht so auffällt, wenn sie zu fett werden."

Sie denkt eine Weile nach. „Können wir nicht wieder in Berlin wohnen? Hier in der Provinz verfetten wir doch nur.“

Frau Hoffmann beugt sich erneut über ihren Napf. Was ein richtiger Berlin-Fan ist, der findet immer einen Grund, die Stadt seiner Träume herauszustreichen.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gastrokritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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