Berlin : Das Kind, das es nicht gibt

Tarek Mohsen ist fast zwei Jahre alt, doch die Behörden stellen ihm keine Geburtsurkunde aus. Seine Mutter, eine Libanesin, hat keinen Pass. Tarek erhält kein Kindergeld – und auch keinen Kita-Platz

Anne Seith

„Eine Frau, deren Identität nicht geklärt ist, hat am 29. März 2002 um 6 Uhr 5 Minuten in Berlin-Mitte (…) einen Knaben geboren“, steht auf dem Papier. Und: „Das Kind hat noch keinen Vornamen erhalten.“ Auch in der Rubrik „Familienname“: keine Eintragung. Das soll eine Geburtsurkunde sein? „Als ich die bekam, dachte ich, das ist ein Witz“, sagt Samah Mohsen und streicht ihrem Sohn Tarek über die braunen Locken. Aber es war nichts zu machen, der Beamte vom Standesamt Mitte wollte Samah Mohsens Reisepass sehen. Ohne den könne er Tarek nicht als Tarek ins Geburtenregister eintragen, sagte er – und ihm somit auch keine Geburtsurkunde ausstellen.

Samah Mohsen konnte nur ihre eigene arabische Geburtsurkunde aus dem Libanon zeigen, und ihre Aufenthaltsbefugnis, die eigentlich auch als Ausweisersatz gilt. Doch das reichte nicht. Das war im Frühjahr 2002. Heute ist Tarek fast zwei Jahre alt, eine Geburtsurkunde hat er immer noch nicht. Und ohne ein amtliches Dokument mit seinem Namen ist er für die Behörden quasi nicht existent. Deshalb hat Samah Mohsen weder eine Aufenthaltsbefugnis für Tarek bekommen noch Erziehungsgeld, Kindergeld oder Sozialhilfe. Sie kann auch keinen Platz in der Kindertagesstätte beantragen. Dabei würde die 20-Jährige, die seit 13 Jahren in Deutschland lebt, gern ihre Ausbildung als Erzieherin beenden.

„Für eine Geburtsurkunde müssen wir die Identität der Mutter eindeutig feststellen können“, sagt Wolfgang Quandt von der Fachaufsicht über die Standesämter in der Senatsinnenverwaltung. „Das geht nur mit einem richtigen Pass.“ Das Landgericht Berlin hat das bestätigt. In einem Urteil vom Juni 2001 gab es einem Standesbeamten Recht, der einer Mutter ohne Pass eine Geburtsurkunde für ihr Kind verweigerte. Seitdem sei diese Verfahrensweise die übliche Praxis, sagt Quandt.

In rund 80 Fällen pro Jahr werde deshalb keine Geburtsurkunde ausgestellt. Meistens legten die Eltern aber später doch einen Ausweis vor, erzählt Quandt. Manchmal schon am nächsten Tag, manchmal aber auch erst nach einem halben Jahr. Pässe im Ausland zu beantragen kann lange dauern. Und manchmal, wenn es gar nicht möglich ist, einen Pass zu beschaffen, muss die Identität gerichtlich geprüft werden. Im Rahmen des Verfahrens, das zur Änderung der Geburtsurkunde beim Amtsgericht Schöneberg eingeleitet wird. Das dauert dann unter Umständen Jahre.

So wie bei der Angolanerin Manuela da Silva, die in den nächsten Wochen die Geburtsurkunden für ihre beiden Kinder bekommen soll – das älteste ist fast zwei. Oder wie bei Samah Mohsen. Das Verfahren zur Änderung von Tareks Geburtsurkunde hat sie schon vor eineinhalb Jahren beantragt. Sie hat versucht, einen Pass zu bekommen – ohne Erfolg. Weil ihr Vater – ein Palästinenser – sie im Libanon abgemeldet hatte, um sie in seiner Heimat registrieren zu lassen. Letzteres hat er nie getan, er starb unerwartet. Deshalb stellen weder die libanesische Botschaft noch die palästinensische Autonomiebehörde Samah Mohsen Papiere aus.

Die letzten eineinhalb Jahre verbindet Samah Mohsen vor allem mit stundenlangen Wanderungen von Amtszimmer zu Amtszimmer, mit Bergen von Papier – und mit Geldproblemen. Gleich nach der Geburt musste Tarek wegen einer Gelbsucht behandelt werden – die Rechnung über 3200 Euro landete in Samah Mohsens Briefkasten, weil die Krankenkasse ein Kind ohne Geburtsurkunde nicht versichern wollte. Und ein Jahr später musste Tarek noch einmal ins Krankenhaus, wegen einer schweren Magen-Darm-Infektion. Irgendwann verhandelte die Charité selbst mit dem Jugendamt.

Ein Ende in dem Verfahren zur Berichtigung von Tareks Geburtsurkunde ist nicht abzusehen. Immerhin, eine Krankenversicherungskarte hat der Junge mit den dunklen Augen seit kurzem – die kam nach monatelangen Verhandlungen mit der Kasse eines Tages plötzlich mit der Post.

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