Berlin : Das Kinderzimmer war ein Gefängnis

Kerstin Gehrke

Wegen grober Misshandlung der Tochter muss sich seit gestern ein Elternpaar aus Neukölln vor dem Landgericht verantworten. Der 25-jährige Vater soll das Kind jahrelang gequält, geschlagen und gedemütigt haben. Der 31-jährigen Stiefmutter wird vorgeworfen, nichts unternommen zu haben. Nur die Frau war zu Beginn des Prozesses zu einer Aussage bereit. Petra R. schilderte Szenen, die den Zuhörern den Atem stocken ließen. Dass das Kind aus Hunger sogar den Putz von den Wänden aß, war noch das Harmloseste.

"Ich habe teilweise selbst gestraft, damit es nicht so schlimm ausfällt wie bei ihm", sagte die Frau. Für ihren Ehemann Andreas R. habe das Züchtigen seiner Töchter Nadine und Janine (Namen geändert) zum Alltag gehört. "Krass" sei es ab 1998 gewesen. Da war Nadine, die ein Jahr Ältere, noch nicht drei. Nadine habe 80 Prozent der Misshandlungen abbekommen. "Wenn sie mal zwei Wochen keine blauen Flecke hatte, war es für sie eine gute Zeit." Üblicherweise aber sei das Mädchen so gezeichnet gewesen, "dass wir nur nachts rausgingen, damit keiner was sieht".

Das Paar hatte sich Ende 1996 beim Chat im Internet kennen gelernt. Sie nannte sich "Kätzchen 5" und fuhr bald nach Dortmund, wo Andreas R. mit seinen Töchtern lebte. Nach drei Monaten wurde geheiratet. Doch gleich danach habe er sich "schlagartig" verändert, sagte die Frau. Anfang 1998 zogen sie nach Berlin, wo sie von Sozialhilfe lebten und Andreas R. rund um die Uhr im Internet war. Damals sei das Prügeln zum "Standard" geworden. Ob ihr Mann einen Grund dafür nannte, wollten die Richter wissen. "Ein paar Mal sagte er, die Kinder würden alles kaputt machen." Das Kinderzimmer wurde zum Gefängnis. Drei Jahre lang. "Nachts wurden die Mädchen immer eingeschlossen", sagte die Stiefmutter. Oft auch am Tage. Wenn die Töchter "nicht artig" waren, gab es auf Anweisung des Vaters kein Essen. "Manchmal tagelang nicht." Er habe Nadine mit eiskalten Duschen gequält. "Bis sie die Augen verdrehte, blau anlief." Andreas R. soll Nadine mit dem Kopf gegen die Wand geschleudert haben. Mehrfach sei Nadine von ihm gezwungen worden, nackt in einer Zimmerecke zu stehen. Wenn sie das Wasser nicht mehr halten konnte, habe er ihr befohlen, dass den Urin aufzulecken. "Hat sie es getan?, wollte der Richter wissen. "Ja, es dauerte Stunden." Diese Szene hatte Petra R. auf Video aufgenommen. "Weil ich einen Beweis gegen ihn in der Hand haben wollte", sagte sie. Unternommen aber hat sie nichts. "Der Film war weg, und wenn ich etwas sagte, wurde es für die Kinder nur noch schlimmer." Petra R. will sich am Anfang der Misshandlungen für eine "Erziehung mit Liebe" eingesetzt haben. "Aber ich war machtlos", sagte sie. Gefühle jedoch drückten ihre Worte nicht aus. Nadine habe "öfter aus der Schnauze geblutet", berichtete sie - als ginge es um ein Tier.

Petra R. ist eine sportliche Frau, wirkt resolut. Warum ist sie nicht weggegangen mit den Mädchen? "Ich hatte keine Beweise", sagte sie sichtlich genervt. Sie hatte Andreas R. im Juni 2000 verlassen, weil sie die Gewalt nicht mehr ansehen konnte. Erst im März zeigte ihr Vater den Schwiegersohn an. Das Jugendamt nahm die Kinder in die Obhut. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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