Berlin : Das Kino bin ich

Helgard Gammert gehört seit 1979 das Zehlendorfer Bali-Kino. Jedes Jahr erhält sie Preise fürs Programm

Florian Urschel

An Spider-Man kommt niemand vorbei – mit riesigem Werbeaufwand ist gestern das neueste Abenteuer des Actionhelden in den Kinos gestartet. Fern von allem Tamtam und grellen Computertricks setzt ein Kino auf Schwarzweiß. Das Zehlendorfer Bali-Kino zeigt „Orphée“ von Jean Cocteau, einen Streifen aus dem Jahr 1949. Kontrastprogramm läuft am Teltower Damm 33 aber nicht nur an einem Tag, sondern das ganze Jahr. Dafür gab es am Mittwoch eine Auszeichnung für Bali-Besitzerin Helgard Gammert. Sie erhielt einen der 16 „Kinoprogrammpreise Berlin-Brandenburg“, mit dem die besten Filmangebote der Region gewürdigt wurden.

Betritt der Besucher das Bali-Kino, so gelangt er in eine vergangene Zeit: kein Glaskasten, in dem ein Angestellter die Tickets ausdruckt, sondern ein Tischchen, an dem die Besitzerin sitzt und jeden Filmfan persönlich begrüßt. Die Ankündigung für den Film des Abends flimmert nicht über einen Monitor, sondern steht auf einem Plakat. Der Kinosaal selber erinnert eher an ein Varieté: Es gibt eine kleine Bühne, an einer Wand mit alten Filmpostern steht ein Piano, die Reihen mit den 110 weinroten Sesseln steigen nur sanft an. Vor der ersten Reihe befindet sich sogar ein Tanzboden. Kein Wunder, dass im Bali nicht nur Filme laufen. Es gibt Dichterlesungen, Kunstausstellungen, Vorträge und Tanzabende. Helgard Gammert organisiert alles selbst, auch Stummfilmabende, bei denen das Klavier zum Einsatz kommt. „Früher hat hier Willy Sommerfeld gespielt“, erzählt sie stolz. Sommerfeld, vor kurzem hundert Jahre alt geworden, war bereits in den 20er Jahren Stummfilmpianist.

Helgard Gammert hat das Bali-Kino 1979 vom Filmförderer Manfred Salzgeber gekauft, der das Haus in den 70ern zum politischen Forum gemacht hatte. Aber als die heute 59-Jährige das Theater kaufte, war politisches Kino nicht mehr modern. Die Liebe zur Kultur und ihre Offenheit waren es, die Helgard Gammert neue Wege gehen ließ. Denn „das Bali war für mich das Kino schlechthin“, sagt die Kinobesitzerin, deren Lieblingsfilm „Kinder des Olymp“ ist. „Er ist ein Konglomerat von Träumen“, sagt Helgard Gammert. Sie lebt ihren Traum.

Seit 25 Jahren gehört ihr nun das Bali-Kino. In jedem Jahr ist es für das Filmprogramm ausgezeichnet worden. So viele Preise muss Spider-Man erst mal bekommen.

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