Berlin : Das können Berlins Katholiken nicht glauben

Keine Messdienerinnen mehr? Kein Tanz und kein Applaus im Gottesdienst? Die neuen Vorschriften aus Rom mag noch niemand ernst nehmen

Claudia Keller

Pfarrer Klaus Rößner lacht herzhaft. Die Nachricht, dass der Vatikan künftig nur noch in Ausnahmefällen Mädchen als Messdienerinnen dulden will, und das Klatschen und Tanzen im Rahmen der Liturgie unterbleiben soll, erheitert die katholischen Pfarrer in Berlin sehr. Am Dienstag war bekannt geworden, dass der Vatikan „Fehlentwicklungen“ und liturgische Experimente in katholischen Gottesdiensten einschränken will. Ein katholisches Magazin in Italien hatte Einzelheiten des Entwurfs für eine verbindliche Vatikan-Richtlinie veröffentlicht.

„Haben die nichts besseres zu tun?“, fragt Pfarrer Rößner mit Blick nach Rom. Er nimmt den Entwurf nicht ernst. In den meisten Berliner Gemeinden gibt es Messdienerinnen, und sie seien überhaupt nicht mehr wegzudenken. Ebenso wenig Jugendgottesdienste, bei denen getanzt und geklatscht werde.

Hans Joachim Meyer, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, forderte die Bischöfe in Deutschland am Mittwoch „eindringlich“ auf, sich in die Diskussion um den Entwurf einzumischen, „damit nicht Freude am Glauben aus unseren Kirchen und Gottesdiensten vertrieben wird“.

Inwieweit sich der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky einbringen will, war am Mittwoch nicht zu erfahren. Er ist krank. Sein Sprecher Stefan Förner mochte sich zu den Ankündigungen aus Rom nicht äußern. Zu vage sei noch alles, man wolle abwarten, bis man die Richtlinien auf dem Tisch habe. Nur so viel vorab: Sollte es der Vatikan wirklich ernst meinen mit dem, was jetzt bekannt geworden ist, also auch damit, die Messdienerinnen aus den Kirchen zu verbannen, dann werde das sicherlich heftige Diskussionen auslösen. Förner weist aber auch darauf hin, dass die Richtlinien aus dem Vatikan immer die Weltkirche im Blick hätten. Was die einzelnen Länder daraus machen, stehe auf einem anderen Blatt.

Pfarrer Rößners Assistentin in St. Bonifatius findet die Nachrichten aus Rom gar nicht zum Lachen. Sie ist verärgert. Denn auch ihre Arbeit würde eingeschränkt. Es bestehe – so heißt es in dem Entwurf nämlich auch – kein Bedarf an Assistententinnen. Selbst wenn in einer Gemeinde kein Priester vorhanden sei, dürften die Assistentinnen keine priesterähnliche Rolle im Gottesdienst übernehmen. Sie sollen weder helfen, die Kommunion auszuteilen, noch aus der Bibel lesen, sich gar nicht im Altarraum aufhalten. „Wie weit wollen die das noch treiben in Rom?“, fragt die Gemeindemitarbeiterin.

Pater Josef Rohrmayer vom Afrika-Zentrum in Schöneberg ist hingegen gelassen. Auch er kommentiert die Geschichte vor allem mit Lachen. Diskussionen über die Verschärfung der Liturgierichtlinien habe es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gegeben. Aber deshalb sei keine einzige Messdienerin von ihrer Aufgabe zurückgetreten. Rohrmayer war lange Jahre Missionar in Afrika. Dort sei es selbstverständlich, dass in den Gottesdiensten getanzt, getrommelt und geklatscht werde. Auch in der Ghana-Gemeinde in Berlin werde jedes Wochenende getanzt. „Und wie!“

Wenn es tatsächlich entsprechende Vorschriften gäbe, wäre das „ein Stück aus dem Tollhaus“, sagt Hans-Jürgen van Schewick, der oberste Laienvertreter im Bistum. Das Zurückdrängen der Messdienerinnen hält er für einen Ausdruck von Sexualangst. Im übrigen sei aber auch er dagegen, dass während des Gottesdienstes geklatscht wird. „Wenn aber der Chor mit besonderer Anstrengung mitgewirkt habe, warum soll man den Musikern dann nicht in Form von Applaus danken?“ In den Berliner Gottesdiensten werde sich nichts Grundlegendes ändern, prophezeit Pfarrer Martin Rieger von der Kirche Heilige Familie in Prenzlauer Berg. Wer das befürchte, überschätze den Einfluss Roms.

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