Berlin : Das Kondom kommt aus der Mode

Zahl der HIV-Infektionen steigt stark an. Aids-Hilfe: Jede Woche sterben zwei Berliner an der Krankheit

Annette Kögel

In Berlin infizieren sich immer mehr Menschen mit dem HIV-Virus: Bis Ende Juni wurden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) 174 Menschen positiv getestet – im Vergleichszeitraum 2004 waren es noch 166 Neuinfektionen. Vor drei Jahren steckten sich im ersten Halbjahr gerade 108 Männer und Frauen neu an. Besonders hoch ist die Rate der Neuinfektionen bei schwulen und bisexuellen Männern: 126 erfuhren im ersten Halbjahr 2005 die Diagnose – das sind vier Fünftel aller Neuinfizierten.

„Es gibt leider eine Erosion beim Schutzverhalten und eine Präventionsmüdigkeit“, sagt Kai-Uwe Merkenich, Geschäftsführer der Berliner Aids-Hilfe. Die steigenden Zahlen bei homo- und bisexuellen Männern seien nicht in erster Linie, wie in der Öffentlichkeit beklagt, der so genannten „Barebacking“-Szene zuzuschreiben. Sprich jenen Schwulen, die offensiv Sex ohne Kondom bewerben. Sie machten nur etwa fünf Prozent unter Homosexuellen aus. „In Gesprächen mit Neuinfizierten höre ich dagegen oft: Es sei einfach spontan zum Sex gekommen – oder die Männer haben dem Gegenüber in ihrer Verliebtheit vertraut und nicht nach dem sexuellen Vorleben gefragt.“ Damit unterscheiden sich Homosexuelle im Verhalten kaum von Heterosexuellen – aber das Risiko einer Infektion ist höher.

Übertragungen zwischen Mann und Frau machen den zweithöchsten Anteil bei HIV-Fällen aus: 18 Menschen steckten sich bis Ende Juni an, weil sie oral, anal oder vaginal ungeschützt verkehrten oder Blut in die Schleimhäute drang. Einige der Männer berichteten, dass sie im Ausland Sex ohne Kondom hatten – als so genannter „Sex-Tourist“. Zehn Neuinfektionen wurden nach Tests bei Migranten aus Afrika, Asien oder der Karibik bekannt. Diese infizierten sich aber in der Regel im Herkunftsland. Drei Drogenabhängige holten sich den HIV-Virus offensichtlich über Spritzengebrauch. 17 Menschen wollten sich keiner der Gruppe zuordnen, erfahrungsgemäß seien es vielfach homo- oder bisexuelle Männer, sagt HIV-Datenspezialist Christian Kollan vom RKI.

Die Gesundheitsverwaltung unterstützt die 13 Aids-Präventions-Vereine jedes Jahr mit 2,2 Millionen Euro, die gleiche Summe investieren die Bezirke. Dennoch werden HIV und Aids „unterschätzt und bagatellisiert“, so Merkenich. Deshalb betonen Mitarbeiter auch vor Schulklassen immer wieder: In Berlin sterben jede Woche zwei Menschen an Aids. In der Stadt leben offiziell 7500 HIV-Infizierte, davon sind 1000 an Aids erkrankt. Ungefähr noch einmal 7500 sind infiziert, wissen das aber nicht, weil sie keinen Test gemacht haben. Wer Medikamente nimmt, ist dennoch körperlich und seelisch schwer beeinträchtigt und oft arbeitsunfähig. Trotz der guten Medikamente stirbt ein Drittel der Aids-Kranken.

Argumente, die gerade in „unserer Spaßgeneration“ schlecht ziehen, weiß Merkenich. Deswegen werde man nächstes Jahr gezielt Multiplikatoren aus der Leder-, Fetischszene, aber auch der höchst gefährdeten Jugendpartyszene ausbilden. Zudem starte ein Modellprojekt für Jugendgruppen wie Rotem Kreuz und DLRG. Denn viele Männer würden nicht auf den Gummi wegen des Gefühlsverlusts verzichten, sondern weil es peinlich oder unpassend erscheint, das Vorspiel zu unterbrechen. Und doch könne eben gerade das Leben retten.

Infotelefon: 19411, Mo.-So. 10-24 Uhr

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