Berlin : Das Konfetti-Zölibat

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

vorauseilende karnevaleske Sauberkeit

Gewiss, es gäbe gute Gründe, das Oktoberfest ohne Bier und Würste zu feiern. Beides steigert den Frohsinn, macht aber viel Dreck. Doch schlage unsereiner solchen Verzicht einem zünftigen Münchner vor. Er ließe sofort seinen Seidel am Haupt des Saupreußen zerschellen. Zu Recht: München leuchtet so oder so. Nehmen wir dagegen unsere hausgemachten Karnevalisten: Bilden sich mächtig was ein, wollen es den Kölnern gleichtun, wenn nicht mehr. Aber bitte ohne Konfetti! Weil es zu sehr schmutzt. Das ist ehrenwert, freilich ganz unkarnevalesk gedacht. In den Stammlanden des Frohsinns wird der Triebverzicht auf Aschermittwoch verschoben. Hier hingegen begleitet er, als Akt vorauseilender Sauberkeit, schon den Umzug der Narren. Man könnte diese Berliner Eigenart als modernes Konfetti-Zölibat charakterisieren. Die historischen Wurzeln reichen jedoch tiefer, weisen auf die Kultur der Ärmelschoner und der Schutzdeckchen auf dem Ohrensessel der guten Stube. Dem modernen Menschen schien sie überholt. Ein Irrtum.

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