Berlin : Das Kopftuch abgelegt

Emel Algan war Islam-Funktionärin, jetzt kämpft sie für die Freiheit der Frauen

Claudia Keller

Vor zwei Jahren hat sie angefangen mit dem Mutigsein. Jetzt kann sie nicht mehr anders. Emel Algan spricht aus, was sie denkt, und sie tut es öffentlich: „Es waren Männer, die das Kopftuchtragen eingeführt haben. Nun wäre es wünschenswert, wenn Männer hier und heute dazu beitragen würden, dass es wieder abgeschafft wird.“ Mit solchen Sätzen schlägt sie nicht nur den Männern ihrer Familie ins Gesicht, sondern einer männlich dominierten muslimischen Kultur, die Frauen ohne Kopftuch als ungläubig und minderwertig diffamiert. Und es ist ein Politikum. Denn die zierliche Frau mit den kurzen wuscheligen Haaren ist die Tochter des Mannes, der den deutschen Ableger der Milli Görüs gegründet hat, die der Verfassungsschutz als islamistisch einstuft.

Algan hat lange gebraucht, um sich gegen das Kopftuch auszusprechen. Als sie mit zwölf Jahren zum ersten Mal ihre Periode hatte, legte ihr die Mutter das Kopftuch um, Emel hat es widerstandslos 22 Jahre getragen. Mit 16 wurde sie einem Mann versprochen, mit 19 verheiratet – weil das so üblich war. Kurz darauf bekam sie das erste von sechs Kindern. Sie sei auch damals selbstbewusst gewesen, sagt Algan. Zehn Jahre lang führte sie in Berlin den Islamischen Frauenverein, der unter anderem muslimische Kitas betreibt. Aber der Rahmen habe nicht gestimmt, weil nicht sie ihn sich ausgesucht hatte, sondern andere für sie.

Vor zwei Jahren begann Algan, sich in den Koran zu vertiefen, und fand heraus, dass die Kopfbedeckung kein religiöses Gesetz ist, sondern eine kulturelle Tradition. Sie machte vielleicht zu Mohammeds Zeiten Sinn, ist heute aber überflüssig. Dann war sie mit ihrem Bruder in Hamburg italienisch essen, stand in der Restauranttoilette und sagte sich: „Jetzt bist du mal stark und mutig.“ Dann nahm sie das Kopftuch ab. Sie fühlte sich ganz nackt zuerst, heute mag sie es, wenn der Wind ihr durch die Haare streicht. Dass danach gar nichts Schlimmes passierte, beflügelte sie. Mit 44 Jahren begann sie, ihr Leben selbst zu bestimmen. Sie lernte schwimmen, machte eine Ausbildung und lässt sich gerade scheiden. Wenn andere Frauen den Kopf bedecken wollen, hat sie dafür Verständnis. Aber sie mögen es doch bitte aus echter Überzeugung tun und nicht, weil es sich gehört.

Algan stören die Blicke von Männern nicht, im Gegenteil: „Wie oft habe ich seit meiner Enthüllung Männern in die Augen geschaut und mir gedacht: Hey, der guckt ja gar nicht!?“

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