Berlin : Das Kreuz mit den religiösen Symbolen

Die Debatte beginnt: Sind Kopftuch, Davidstern und Kruzifix Zeichen des Glaubens oder politische Bekenntnisse?

Claudia Keller

Wie jeden Morgen hat Jael Botsch-Fitterling auch am Freitag ein Kettchen mit einem Davidstern umgelegt. Aber an diesem Freitag hatte sie ein ungutes Gefühl dabei. Jael Botsch-Fitterling ist Jüdin und Lehrerin an einer staatlichen Schule in Berlin. Beim Frühstück hatte sie in der Zeitung gelesen, dass Schulsenator Klaus Böger (SPD) muslimischen Lehrerinnen per Gesetz verbieten will, Kopftücher im Unterricht zu tragen. In der Zeitung stand auch, dass Böger darüber nachdenke, dass dann auch christliche und jüdische Lehrer auf auffällige religiöse Symbole verzichten müssten. „Zum ersten Mal habe ich mich gefragt, wie groß der Davidstern sein darf“, sagt Botsch-Fitterling. Dass sie sich das fragen muss, macht sie traurig. Denn ihrer Meinung nach sollte jeder seine Religiosität zeigen dürfen. Die gehöre zur Persönlichkeit dazu. Dann erzählt die Lehrerin von Kindern in ihrer Klasse, die sich offen zum Buddhismus bekennen. „Das führt zu anregenden Diskussionen.“ Wenn man aber mit dem Verbieten anfange, sagt Elisa Klapheck, die Sprecherin der jüdischen Gemeinde, dann müsste man allen Lehrern gleichermaßen untersagen, religiöse Symbole zu tragen, also Christen, Juden, Muslimen, Buddhisten, …

Das findet Bernd Szymanski, der evangelische Superintendent des Kirchenkreises Neukölln, überhaupt nicht. Kreuz, Davidstern und Kopftuch könne man nicht miteinander vergleichen,sagt er, denn Kreuz und Davidstern seien rein religiöse Symbole, das Kopftuch aber auch ein politisches Zeichen. Für Szymanski steht es für die Unterdrückung muslimischer Frauen. „Christlichen Lehrerinnen zu verbieten, ein Kreuz zu tragen, das ginge zu weit.“

Schulsenator Bögers Vorstoß, die Kopftuch-Debatte grundsätzlich auf alle religiösen Symbole auszuweiten, löst – das zeigt diese erste Umfrage – sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Viele sind wie Szymanski und der evangelische Propst Karl-Heinrich Lütcke – der Stellvertreter von Landesbischof Wolfgang Huber – der Meinung, dass man Kreuz, Davidstern und Kopftuch nicht vergleichen könne. Während Kreuz und Davidstern eine rein religiöse Bedeutung hätten, mache das Kopftuch auch eine politische Aussage. Religiöse und politische Bedeutung derart zu vermengen, sei für die Integration von Muslimen und Christen eher hinderlich, meint Lütcke. Deshalb hält er es für richtig, Lehrerinnen das Tuch auf dem Kopf zu verbieten. Kreuze und Davidsterne könne man hingegen weiterhin zulassen.

Dennoch – Propst Lütcke macht lange Pausen beim Reden – müsse es in unserem Staat möglich sein, seinen Glauben offen zu zeigen – auch am Arbeitsplatz.

Ähnlich schwankend und abwägend äußert sich Hans-Peter Richter. Er leitet im katholischen Erzbistum die Abteilung Schulen, Hochschulen und Erziehung. Einerseits müsse die Religionsfreiheit des Einzelnen gewährleistet sein – andererseits handele ein Lehrer im Auftrag des Staates. Und wenn man den Lehrern verbiete, religiöse Symbole zu tragen, müsse man das Gleiche dann nicht auch den Schülern untersagen? Und wie würde man bei einer Ordensfrau entscheiden? Ist die Ordenstracht nicht das gleiche wie ein Kopftuch?

Eine klare Meinung hat Dominikanerpater Thomas Grießbach aus Moabit: „Die Religion gehört zur Identität eines Menschen dazu.“ Sie zu zeigen, sei somit ein Persönlichkeitsrecht, das geschützt werden müsse. Schließlich würde auch niemand einer Nonne, die in einem staatlichen Krankenhaus arbeitet, verbieten, ihr Ordenskleid anzuziehen.

Solange ein Lehrer die Schule nicht als Plattform benutze, um die Kinder zu missionieren, hat Pater Thomas keine Bedenken gegen religiöse Symbole. Er selbst unterrichtet an der staatlichen Kunsthochschule Stuttgart – „natürlich mit Römerkragen“.

Dass viele Christen mit dem Kopftuch ein Problem haben, liegt seiner Meinung daran, dass die christlichen Kirchen für uns im Vergleich zum Islam berechenbarer scheinen. Bei einer Muslimin, so sagt er, wisse man nicht, welcher islamischen Strömung sie angehöre.

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