Berlin : „Das Leben besteht aus Widersprüchen“

Die künftige Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher über die Vorbereitung aufs neue Amt, kleine Schwächen und die Ost-Seele

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Frau Lompscher, bei der Suche nach einer neuen Senatorin der Linkspartei/PDS hieß es, der oder die Neue solle „die Seele des Ostens verstehen“. Tun Sie das?

Ich bin bekannt als pragmatischer Mensch. 17 Jahre nach der Einheit werden viele Themen nicht mehr nach Ost und West aufgeteilt. Trotzdem gibt es im Osten eine berechtigte Forderung nach Chancengleichheit und Respekt. Oft war es ja auch nicht besonders gerecht, wie mit den unterschiedlichen Biografien umgegangen wurde. Das muss man auch weiter zum Thema machen – und das werde ich tun.

Hätte man der PDS-Basis auch drei West-Senatoren zumuten können?

Wenn es drei fachlich sehr gute Leute gewesen wären, wäre das sicher möglich gewesen. Aber es geht hier nicht um Zumutbarkeit. Es geht darum, dass die Linkspartei im Osten ihre Hochburgen hat. Da ist es völlig normal, dass die Leute damit die Erwartung verbinden, dass jemand mit ihrem Erfahrungshintergrund mit im Senat sitzt.

Sie arbeiten sich gerade in die gesundheitspolitischen Fachthemen ein, die Ihnen nicht sehr vertraut sind. Was befähigt eine bisherige Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung für das Amt der Gesundheitssenatorin?

Politik hat sehr viel mit Management und Kommunikation zu tun. Wenn man in der Politik arbeitet, stellt man schnell fest, dass es wichtig ist zu gucken: Wer sind die Mitspieler? Was haben die für Prioritäten, was für Ziele? Wie kann man sie motivieren und zusammenbringen? Die thematische Nähe zu einem Fachinhalt ist natürlich wünschenswert, aber gerade bei der Stadtentwicklung habe ich ja sowieso immer mit ressortübergreifender Kooperation zu tun. Und das wird mir auch für die neue Aufgabe helfen. Ich habe durch meine bisherige Arbeit ohnehin eine Nähe zum Thema Umwelt. Wegen der Diskussion über das Thema Soziale Stadt sind mir auch viele Sozialstaatsfragen bis hin zur Gesundheitspolitik vertraut.

Aber muss eine Fachsenatorin sich nicht auch mit Herzblut für ihre Themen einsetzen? Ihr Herz scheint nach wie vor ja mehr an der Stadtentwicklungspolitik zu hängen…

Aus der Stadtentwicklung komme ich eben her. Aber das Herzblut kommt, unter anderem durch Neugier. Ohne die Neugier hätte ich gar nicht Ja zu der neuen Aufgabe gesagt. Jetzt arbeite ich mich in die Fachthemen ein und finde das alles sehr interessant.

Sie wollen in den kommenden Wochen alle neun Kliniken des landeseigenen Vivantes-Konzerns besuchen. Was werden Sie dort den Beschäftigten sagen, die fragen, wie es mit dem Unternehmen weitergeht?

Zunächst hoffe ich, dass die Mitarbeiter mir viel erzählen, denn ich will ja etwas lernen. Und dann kann ich auf das verweisen, worauf sich die Koalitionspartner geeinigt haben: Dass die öffentliche Trägerschaft nicht infrage steht; dass die Wirtschaftlichkeit in Zusammenhang mit dem Qualitätsauftrag Gesundheitsversorgung natürlich verbessert werden muss; dass die Kooperation mit der Charité verbessert werden soll.

Im Koalitionsvertrag heißt es: Die zuständige Senatsverwaltung wird mit Unterstützung Dritter eine Transparenzoffensive zum Leistungsgeschehen in Berliner Krankenhäusern durchführen. Werden Sie wie Ihre Vorgängerin die Schirmherrschaft über den Klinikvergleich von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin übernehmen?

Dazu sage ich bedenkenlos Ja. Es ist in der Verknüpfung von Gesundheit und Verbraucherschutz nahe liegend, dass man solche Projekte unterstützt.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst wird derzeit grundlegend umgebaut. Inwieweit ist zu erwarten, dass wohlhabende Bezirke künftig auf Angebote des Öffentlichen Gesundheitsdienstes verzichten müssen, um in sozialen Brennpunkten die Angebote ausweiten zu können?

Das ist nicht die Frage, um die es geht. Es geht vielmehr darum, den Wertausgleich zwischen den Bezirken so zu organisieren, dass er nicht zu Substanzverlust führt. Das kann niemand wollen.

Seit Sie als künftige Gesundheitssenatorin im Gespräch sind, wird öffentlich darüber diskutiert, dass Sie rauchen. Sehen Sie keinen Widerspruch darin, einerseits für die Gesundheit der Berliner verantwortlich zu sein und andererseits Zigaretten zu rauchen?

Natürlich ist das ein Widerspruch. Das Leben besteht aus Widersprüchen. Aber ich halte das aus. Ich habe nun mal diese kleine Schwäche, und ich weiß, dass es mühsam ist, sich das abzugewöhnen.

Ist es Ihr Ziel, während der kommenden Legislaturperiode mit dem Rauchen aufzuhören?

Das kann man nicht vorhersagen. Ich halte es da mit Mark Twain: Mit dem Rauchen aufzuhören ist ganz einfach – er hat es schon hundertmal geschafft.

Das Interview führten Ingo Bach und Lars von Törne

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