Berlin : Das Leben ist ein Musical

Gleich zwei Mal hintereinander feierten die Gäste „Cabaret“-Premiere in der Bar jeder Vernunft

Heidemarie Mazuhn

Es ist die wohl eindrucksvollste Berlin- Werbung, die es je gab. Jetzt ist das Musical „Cabaret“ wieder in der Stadt zu sehen, in der es spielt, und das Gedrängel um die Karten für die Premiere in der Bar jeder Vernunft im Vorfeld riesengroß. Zu den beiden Premierenabenden – der vorläufigen am Freitag und der offiziellen am Sonnabend – war das Zelt rappelvoll, und alle wollten Sally Bowles, alias Anna Loos-Liefers, im Kit Kat Klub, alias der Bar jeder Vernunft, singen hören. Die in den „Goldenen Zwanzigern“ der Stadt spielende Geschichte der Nachtclubsängerin Sally Bowles wurde 1966 zu einem der größten Broadway-Hits und 1972 in der Verfilmung mit Liza Minnelli zu einem Welterfolg.

Die Bar jeder Vernunft hatte es sich 450000 Euro kosten lassen, um „Cabaret“ dorthin zu holen, wo es spielt – nach Berlin. Dass der teure Coup gelungen ist, verdankt das Publikum musicalfreundlichen Aktienkäufern. Walter Momper gehörte wie Alfred Biolek zu denjenigen, die mit ihrer Aktie dazu beitrugen, dass jetzt das „Fräulein Schneider“ alias Angelika Winkler dem jungen Clifford Bradshow alias Guido Kleineidam ein Zimmer in ihrer Pension vermieten konnte.

Als Belohnung winkten den kultursinnigen Geldgebern ein kostenloser „Cabaret“-Besuch und eine Flasche Schampus extra. Weil der Abgeordnetenpräsident seinen Besuchswunsch falsch angekreuzt hatte, saßen Mompers allerdings nicht am Sonnabend im Zelt, sondern schon am Dienstag bei einer Voraufführung. Zu den beiden Premierenabenden kamen dann viele prominente Gäste, die sich vor allem darüber unterhielten, wo sie „Cabaret“ schon einmal gesehen hatten. In Berlin stand das Musical 1978 im Theater des Westens und 1999 im Theater am Kurfürstendamm schon mal auf dem Programm. Kulturkritiker Winfried Rott wusste auch, dass die mit acht Oscars ausgezeichnete Verfilmung im geteilten Deutschland in separaten Fassungen gezeigt wurde – der Osten synchronisierte „Cabaret“ mit eigenen Schauspielern. Wahrscheinlich aus Kostengründen, vermutete Rott. Nicht Kostengründe waren es, dass aus Anno August Jagdfelds „Cabaret“-Idee nichts wurde. Der Chef der Fundus-Gruppe hatte einst geplant, das Musical en suite im Metropol-Theater zu spielen – wenn er denn den Zuschlag für das stillgelegte Haus in der Friedrichstraße erhalten hätte und sich die Aufführungsrechte gesichert hätte. In der Bar jeder Vernunft gab er sich aber als guter Verlierer.

Nicht alle, die sich in der Schaperstraße anhörten, dass das Leben ein Kabarett ist, wussten, dass die Protagonisten von „Cabaret“ alle nicht weit von dort gelebt haben. Allen voran der englische Schriftsteller Christopher Isherwood, dessen Erzählung „Goodbye to Berlin“ die Vorlage für das Musical von Joe Masteroff bildete. Masteroff war jetzt zum ersten Mal in der Stadt, deren Vorkriegszeit er mit „Cabaret“ weltweit berühmt machte. In Berlin wandelt er nun emsig auf literarisch belegten Pfaden. Am Montag will der Amerikaner in der Nollendorfstraße 17 Thomas Münstermann besuchen. Der Grund: Der neue Künstlerische Leiter des Friedrichstadtpalastes bewohnt seit dem Sommer die Wohnung, in der 1929 „Fräulein Schneider“ also die Berlinerin Meta Thura eine kleine Pension unterhielt – einer ihrer Untermieter war Christopher Isherwood.

Daran erinnert heute eine Gedenktafel – ansonsten bietet sich die Nollendorfstraße eher kiezig als szenig. Neben der Nummer 17 verkauft ein Kellerladen Porzellan. Dass Münstermann durch einen Freund zu der 160 Quadratmeter großen Wohnung oben im zweiten Stock links kam, nennt er nicht Zufall, sondern Fügung. Gestern zeigte Münstermann dem Schauspieler Joel Grey – einem der Oscar-Gewinner aus dem legendären „Cabaret“-Film –, allerdings nicht seine Wohnung, sondern sein nicht minder bekanntes Theater in der Friedrichstraße.

Die Autogrammjäger hatten bei der gestrigen Premiere viel zu tun: Neben TV-Koch Alfred Biolek und Schauspieler Otto Sander kam Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit . Zusammen mit Lebensgefährte Jörn Kubicki wurde der Krawattenlose vom „Bar jeder Vernunft“-Geschäftsführer Holger Klotzbach (Foto unten, Mitte) kritisch begrüßt: „You are underdressed, mein Lieber!“

Talkmasterin Sabine Christiansen (Foto unten), begleitet von ihrem Lebensgefährten, dem Unternehmer Manfred Schneider , gab zu, kein Musical-Fan zu sein. Dafür hat Schauspieler Jan-Josef Liefers („Das Wunder von Lengede“) den Film „Cabaret“schon „mehr als 200 Mal“ gesehen.

Ex-Bundespräsident Walter Scheel kam mit Frau Barbara . „Tatort“-Kommissarin Eva Mattes gab Autogramme und eilte zum roten Teppich, über den auch Bundesministerin Renate Künast und CDU-Generalsekretär Laurenz Mayer schritten. Mittendrin: Musical-Autor Joe Masteroff und der einstige Conferencier-Darsteller Joel Grey . ana

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