Berlin : Das Leben muss Farbe haben

Schauspielerin Eva-Maria Hagen über ihre neue Rolle als Fräulein Schneider in „Cabaret“

Lothar Heinke

Eva-Maria Hagen nippt an ihrer Trinkschokolade, die schon halb kalt ist, weil der Schauspielerin, wenn sie ins Erzählen kommt, alles andere unwichtig ist, wie es scheint. Wir sitzen im Café Einstein Unter den Linden, die Seitentür fliegt auf, die Kälte weht Otto Schily hinein, flankiert von zwei Bodyguards. „Frau Hagen, das war eben der Schily.“ „Wer?“ „Na, der Ex-Innenminister.“ „Ach so, wo waren wir gerade stehen geblieben?“ Wir wollten uns über „Cabaret“ unterhalten. Ab 6. Januar spielt der einstige DEFA-Filmstar wieder einmal Theater in Berlin, wo übrigens 1953 mit einer Rolle in „Katzgraben“ an Bertolt Brechts „Berliner Ensemble“ seine Karriere begann. Vor 53 Jahren! Die „Bar jeder Vernunft“ engagierte nun mit Eva-Maria Hagen ein neues Fräulein Schneider, jene Zimmerwirtin, die sich in „Cabaret“ in den jüdischen Obsthändler Schultz (gespielt von Peter Fitz) verliebt und erleben muss, dass diese späte Liebe nur von kurzer Dauer ist. Der Musical-Welterfolg beschreibt bekanntlich das tragische Scheitern zweier Beziehungen vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus, Berlin ist der originale Ort für das Stück.

„Dieses Fräulein Schneider muss sich entscheiden: Soll ich mit der Herde weiter trotten oder das ausgesonderte schwarze Schaf sein? Sie ist ängstlich, verzagt, unsicher und entscheidet sich schweren Herzens gegen die Liebe“, sagt Eva-Maria Hagen. – Davon, was geschieht, wenn „die Politik“ privates Glück mitten ins Herz trifft, weiß sie ein Lied zu singen. Als ihr Freund Wolf Biermann in der DDR 1965 verboten und 1976 ausgebürgert wurde, „haben bestimmte Leute um mich einen Bogen gemacht oder sind auf die andere Straßenseite gegangen“, sagt sie. „Es gab diverse Versuche, mich umzukrempeln.“ Aber Eva blieb standhaft, suchte sich ihr Paradies, wählte nicht den bequemen Weg, sondern einen, den ihr Gespür sie gehen ließ.

Das Kriegskind, aus der Heimat in Hinterpommern vertrieben, landete mit Mutter, Bruder und Schwester im brandenburgischen Perleberg, ihre Geschichten sind Zeugnisse einer mehr oder weniger vaterlosen Generation, über die sie in ihrem dritten Buch „Eva jenseits vom Paradies“ erzählt, aus der Sicht eines Kindes und jungen Mädchens, stellvertretend für viele, die nicht so persönlich und bildhaft ihre Erlebnisse formulieren können. Es sind die Geschichten des Überlebens und ein Lobgesang auf die Mütter, die wie eine Glucke, wenn der Schatten des Habichts am Himmel kreist, ihre Flügel ausbreiten, „wir fühlten uns trotz Not und Gefahr geborgen, haben den Krieg mitunter als Abenteuer erlebt, durch Entbehrungen Widerstandskräfte entwickelt“. Vielleicht rührt das Unstete und Ruhelose aus dieser Zeit. Die Schauspielerin hat ein visuelles Gedächtnis, wie ein Film ziehen die Ereignisse von einst vorbei, und wenn sie davon erzählt, dann spielt sie die Szene, das „Einstein“ wird zur Kulisse, das braune Ledersofa ist die Bühne, Eva-Maria reißt die Augen auf: „Ganz schwarz“, sagt sie, „waren die Augen meines Bruders vor Aufregung, obwohl sie eigentlich blau waren, als der Russe vor mir stand und ich in das Loch vom Lauf seines Gewehrs blickte. Dann schoss er in die Luft – und weinte.“

Solche Geschichten sind vor 60 Jahren passiert, Eva-Maria Hagen ist 71, wenn ihre Augen blitzen und die Hände spielen, ist sie so jung, als läge alles noch vor ihr – das Theater, die 50 Filme, Musicals. Sie sei „in fliegenden Nestern zu Hause gewesen“, und das gilt nicht nur für die Wohnungen in Hamburg, in der Uckermark und unter einem Dach in Prenzlauer Berg. Fliegende Nester könnten auch jene künstlerischen Genres sein, die sie perfekt und mit preußischer Präzision beherrscht. Die Hagen schreibt kluge Bücher, wenn sie nicht gerade Theater spielt, sie liest daraus vor, sie singt (im neuen Jahr gibt es einen Abend zu Brechts 50. Todestag) und sie malt, poetisch, farbenfroh und drall. „Ich bin mehr ein optimistischer Mensch, und alles, was das Leben lebendig macht, mag ich, auch wenn es oft mühevoll ist.“ Es muss Farbe haben, dieses Leben. Da winkt „eine tolle Rolle für einen großen Film“, aber gleichzeitig „möchte ich mal wieder malen“, außerdem warten die Leute in Görlitz auf Eva-Marias Lieder und Chansons – sie ist dort Patin dafür, dass die Stadt Kulturhauptstadt Europas wird. Und in dem Dreiländereck entsteht gerade ein Kinofilm, in dem Eva-Maria Hagen mitspielt. „Es ist wohl das Zirkuspferd in einem, das lostrabt, wenn die Musik spielt und das fahrende Volk sich auf den Weg macht.“

Kann oder will sie nicht aufhören wie manch andere von diesem Jahrgang 34? Udo Jürgens zum Beispiel, Sophia Loren, Ulrich Plenzdorf, Alfred Biolek, Adolf Muschg, Leonhard Cohen, Shirley Mac Laine, Giorgio Armani? Die Zauberworte sind Energie, Elan und Kreativität. „Mach was, beweg dich!“ rät sie sich und den anderen, ihrer Enkelin Cosma-Shiva empfiehlt sie in einem Interview: Wenn du traurig bist, lauf dem Wind entgegen, lass dich durchpusten, atme tief ein, schöpf neue Kräfte. „Im Ernstfall kann Cosma alles stehen und liegen lassen und zu mir kommen, oder ich zu ihr. Ich bin immer für sie da.“ Überhaupt, die Familie. Nur kreative Frauen. Nina schwirrt durch Los Angeles, Cosma durch die Studios, gerade kommt eine SMS von ihr.

Die Schokolade ist ausgetrunken, das Café erfüllt von Stimmen, Eva-Maria zeigt gerade, dass sie viele Dialekte beherrscht. Zeigen sich die Jahre nur beim baumwollgrauen Haar? Nein, Textlernen dauert länger als früher. Aber die Augen! Noch immer „frech, zärtlich, sinnlich und von der Farbe des in einer Vorstadtpfütze gespiegelten Himmels“, wie ein Dichter schrieb.

Freut sie sich aufs verwöhnte Berliner Publikum? Natürlich – und wie! Aber das muss man sich jeden Abend neu erobern, „auch die Nachgeborenen. die sich dafür interessieren, wo die Vorfahren herkommen, und dann sind sie plötzlich auch meine Fans, nicht nur die von Kind und Kindeskind – wenn Sie verstehen, was ich meine“.

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