Berlin : Das letzte Défilee

Heute verabschiedet sich Vivienne Westwood von Berlin – bei einer Modenschau ihrer Schüler

Susanna Nieder

Vivienne Westwood verlässt Berlin. Das zehnte und letzte Défilee ihrer Modeklasse findet heute Abend passenderweise in der Abflughalle des Flughafens Tempelhof statt. Gelebt hat die viel beschäftigte Modedesignerin in den zwölf Jahren ihrer Professur an der Universität der Künste (UdK) nie in Deutschland. Für die Arbeit mit ihren Studenten flog sie für drei Tage im Monat ein.

Man kann viel schaffen an drei Tagen, wenn man sich und die anderen nicht schont. Sie galt als strenge Lehrerin. Ihre ehemalige Studentin und jetzige Assistentin Regina Tiedeken sagt über den Unterrichtsstil der Engländerin: „Es war immer ein Meister-Schüler-Verhältnis.“ Das wurde in den Präsentationen der Westwood-Klassen immer wieder deutlich. Die Schüler zeigten fast ausnahmslos Arbeiten, die unverwechselbar die Handschrift der Lehrerin trugen. Im letzten Jahr ging Westwood so weit, mitten im Défilee aufzustehen und die Musik abzuschalten, weil sie ihr nicht gefiel. „Es war möglich, eine eigene Linie zu finden“, sagt Regina Tiedeken, „aber eher nach dem Abschluss.“ Als herausragende Diplomkollektion bleibt „Freakshow“ von Timo Scherer in Erinnerung, der 2002 in einem kreativen Spektakel jegliche Vorgaben weit hinter sich ließ. „Wenn meine Studenten weiterhin Bücher lesen und Bilder studieren, war meine Arbeit nicht umsonst“, resümierte Westwood auf ihrer letzten Pressekonferenz – und lobte Schneiderhandwerk und Schnittechnik in Deutschland.

65 Studentinnen und Studenten haben bei ihr zwischen 1993 und 2005 ihr Diplom gemacht. Fünf Absolventinnen arbeiten heute in Westwoods Londoner Atelier, drei bei Wolfgang Joops Label „Wunderkind“ in Potsdam, einige sind als Kostümbildner tätig oder haben, wie Westwoods Assistentinnen von Wedel und Tiedeken, ihr eigenes Label gegründet. Doris Menzel, die 1991 bei den Prêt-à-porter-Schauen in Paris hinter die Bühne ging und Westwood fragte, ob sie Professorin in Berlin werden wolle, ist heute Produktmanagerin beim deutschen Jeanshersteller Mustang.

Vivienne Westwoods Professur hat viel für Berlin bedeutet. Als sie kam, galt sie als meist kopierte Modeschöpferin der Welt und war soeben zwei Mal zum britischen „Designer of the Year“ gewählt worden. Sie brachte Glamour und Medieninteresse nach Berlin, als die Stadt noch eine modische Wüste war. Die Zeiten haben sich geändert; Berlin hat mit seinen Modemessen und einer Vielzahl kleiner Labels einen gewissen Status in der Modewelt erlangt, um die 64-jährige Westwood ist es ruhiger geworden. 1996 wurde sie von ihrem wesentlich jüngeren Mitbewerber John Galliano bei der Nachfolge im Hause Dior ausgestochen, 1997 machte sie mit einer Herrenkollektion zum letzten Mal Schlagzeilen. In Zukunft will sie sich neben ihrer Arbeit als Designerin für Menschenrechte einsetzen. Zur Pressekonferenz erschien sie in einem T-Shirt mit dem Aufdruck „Liberty“.

Die UdK will Westwoods Stelle nicht sofort wieder besetzen. Geplant sind kurze Projekte mit Designern der jüngeren Garde wie Viktor & Rolf, Walter van Beirendonck, Frank Leder. Erst in einem Jahr will man endgültig entscheiden, welcher Name der UdK und Berlin in Zukunft Glanz bringen soll. Mittlerweile steht fest, dass die deutsche Designerin Grit Seymour als C2-Professorin angestellt wird.

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