Berlin : Das letzte Stück Mitte

Der Geist der frühen 90er – im „Haus Schwarzenberg“ ist er noch lebendig. Doch jetzt wird der Altbau versteigert

Holger Wild

Eine schmuddelige Toreinfahrt in der Rosenthaler Straße. Speckige Wände, beklebt mit Plakatresten. Daneben das rauchgeschwängerte „Café Cinema“, für das kein Innenarchitekt je ein schickes Design entworfen hat. Achtlos gehen die Touristen vorüber, auf dem Weg von den Rosen- in die Hackeschen Höfe, von der Oranienburger zur Sophienstraße. Dabei fänden sie, was sie vielleicht zu spüren suchen, am unverfälschtesten genau hier in der Rosenthaler 39: den Geist von Mitte. Den genius loci dieses Stadtteils; eine Ahnung davon, was „Berlin-Mitte“ zum Mythos werden ließ. Einen authentischen Ort, mitten im Mitte von heute, und doch einen Zeitsprung davon entfernt. Wer weiß, wie lange noch.

Vom Seitenflügel hinter der Toreinfahrt, von den schrundigen Fassaden rings um den anschließenden Hof ist der Putz an großen Stellen abgeblättert. Die hölzernen Fensterkreuze sind schmutzig-grau, mancherorts fehlen die Scheiben. So – und noch viel maroder – sah beinah der ganze Bezirk aus, als die Mauer fiel. Heute, nach der Generalsanierung, stellt sich selbst das Tacheles aufgemöbelter dar. Wie dieses aber sind auch die gründerzeitlichen Gewerbegebäude des „Haus Schwarzenberg“ ein kultureller Knotenpunkt im – wenn man so will – kreativen Geflecht der Stadt. Noch. Denn die Zukunft ist ungewiss für das Programmkino „Central“, die Szene-Bar „Eschschloraque Rümschrümp“ und die Künstlergruppe „Dead Chickens“ mit ihrer Ausstellung kybernetischer Schrottskulpturen. Für das Anne-Frank-Zentrum für Jugendbildung, die Modeateliers, Musik- und Off-Veranstaltungsagenturen, für die Journalisten, Web-Designer und zwei Galerien. Für die „Funny Farm“ der Laura Kikauka, der Sammlerin jeglichen Krimskrams dieses Globus und Ausstatterin nicht nur des legendären Clubs „Schmaltzwald“, und die Video-Künstler vom „Sniper“ – wie Kikauka vor fünf Jahren fast Documenta-Teilnehmer.

Sie alle haben Heimstatt gefunden unter den Fittichen des Vereins Schwarzenberg, der 1995 mit der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) einen Mietvertrag für große Teile des verwahrlosten Gebäudekomplexes schloss. „Früher lagerte die Defa hier Filme, im Vorderhaus saß der Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR – und dessen Kantine ist heute das Café Cinema“, berichtet Jee-Un Kim vom Vorstand des Vereins. Die Schwarzenberger zogen neue Bohlen ein, deckten das Dach neu. Die heute zwei Dutzend Nutzer sind Untermieter und zahlen je nach Finanzkraft unterschiedliche Mieten. So halten die Gewerbetreibenden im Haus die Kosten für die nicht-kommerziellen Projekte niedrig. Öffentliche Zuschüsse gibt es nicht. „Wir haben im Haus mehr als 100 Arbeitsplätze“, sagt Jee-Un Kim. Doch jetzt soll das Haus Schwarzenberg versteigert werden. Die Erbengemeinschaft, der das Grundstück rückübertragen wurde, zieht Bargeld vor. Am 24. April ist der Termin. Wenn der Käufer den Mietvertrag mit dem Verein nicht verlängert, könnte im nächsten Jahr Schluss sein im Schwarzenberg.

Das ist die Geschichte von Mitte seit der Wende. Verrottende Häuser – die keinem gehörten. Die Eigentumsverhältnisse waren ungeklärt. Das Zentrum Berlins: ein einziger Freiraum. Die Szene nahm ihn sich. Die Hausbesetzer, die Künstler, die Betreiber illegaler Clubs. Jede Dachwohnung ein autonomes Kulturzentrum. Dann kamen die Investoren, sanierten, kommerzialisierten, etablierten. Eine ganz normale Geschichte. Nun holt sie vielleicht auch das Haus Schwarzenberg ein.

Eine Institution im Seitenflügel immerhin dürfte einen nur renditeorientierten Investoren abschrecken: Die Ausstellung und Dependance des Jüdischen Museums in der ehemaligen Blindenwerkstatt Otto Weidts, der in der Nazi-Zeit Juden vor der Deportation bewahrte. Auch die Schriftstellerin Inge Deutschkron war damals dort beschäftigt, sie hat die Ereignisse in „Ich trug den gelben Stern“ beschrieben.

Gleichwohl können die Leute vom Schwarzenberg nicht viel mehr als hoffen, dass sich ein Käufer findet, der das Haus als kulturelles Zentrum bewahren will. Zwar wollen sie jetzt die Öffentlichkeit mobilisieren. „Wir sammeln Unterschriften, kleben Plakate, wollen Prominente um Solidaritätsadressen bitten“, kündigt Kim an. Jedoch schon der Name ihres Vereins verheißt nicht allzu viel Gutes: Er erinnert an den Kreis Schwarzenberg im Erzgebirge. Im Mai 1945 waren sich hier Amerikaner und Sowjets nicht über die Demarkationslinie einig. Sechs Wochen lang blieb der Kreis unbesetzt – als einziger in Deutschland. Dann fiel er an die Russen. So ist das mit Nischen: Sie bleiben nicht lange frei.

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