Berlin : „Das Liebste geopfert“

Eine Mutter tötete ihren schwerstbehinderten Sohn und bleibt straffrei. Das Gericht befindet: Sie handelte auf Verlangen

Kerstin Gehrke

„In seinen Augen stand die verzweifelte Bitte, Mutter, hilf mir, ich kann so nicht mehr leben.“ Das erzählte Brigitte R. im Gerichtssaal. Sie hatte immer wieder versucht, ihrem schwerstbehinderten Sohn Lebensmut zu geben. Diesmal aber, sagte sie, hätten ihre Kräfte versagt. „Willst du wirklich sterben?“, habe sie ihn gefragt. Und Riccardo, 29 Jahre alt, habe „ja“ signalisiert. Ein Pflegebedürftiger, der sich nur mit den Augen verständigen konnte. Einmal Zwinkern bedeutete „ja“, zweimal „nein“. Diesmal schlug er die Augen einmal nieder. Und die Mutter mixte einen tödlichen Tablettencocktail. Danach wollte sie sich das Leben nehmen.

Ganz in Schwarz saß Brigitte R. gestern im Amtsgericht Tiergarten. Eine 53-jährige Frau mit silbergrauem Haar, die Stimme zitterte. „Was ich getan habe, war das Schwerste, was meinem Leben abverlangt wurde“, flüsterte sie. Im Gerichtssaal herrschte Stille. Der Mutter wird Tötung auf Verlangen vorgeworfen. Doch wie sollte man Brigitte R., die sich jahrelang aufopferungsvoll und mit aller Liebe um ihren Sohn gekümmert hatte, bestrafen?

Die Tragödie begann an einem Sommertag 1995. Riccardo hatte gerade sein Abiturergebnis erfahren: 1,8. Er setzte sich auf sein Motorrad, kam ins Schleudern und stürzte. Dabei erlitt Riccardo so schwere Hirnverletzungen, dass er seitdem handlungsunfähig war. Hoffnung auf Heilung gab es nicht. Um eine bessere Betreuung für ihren Sohn zu finden, verkaufte die alleinerziehende Mutter ihr Haus in Forst (Brandenburg) und zog mit dem Sohn nach Berlin. Dort lebte er werktags im Elisabeth-Stift in Prenzlauer Berg und war an den Wochenenden bei ihr. „Er war gefangen in seinem Körper“, sagte die Angeklagte. Er sei im Laufe der Jahre etwas wacher geworden, habe aber auch immer mehr begriffen, was mit ihm geschehen war. „Er hat im Bett getobt.“ Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, schob die Mutter den Sohn mit dem Rollstuhl sogar zu Heavy-Metal-Konzerten, die er vor dem Unfall so gemocht hatte. Vergangenen Dezember sollte Riccardo eine neue Magensonde bekommen. Er hatte Angst vor Schmerzen. Mit dem Sozialamt gab es Schwierigkeiten wegen der von Brigitte R. angestrebten Förderwerkstatt für den Sohn. „Ich hielt bis zum Schluss seine Hand“, sagte die Angeklagte. Sie habe dann Tabletten genommen und sich die Handgelenke aufgeritzt. Drei Tage später wurde sie gefunden.

Der Prozess musste sein, weil dem Gesetz der absolute Lebensschutz zu Grunde liegt, sagte der Staatsanwalt. Die Mutter sei völlig verzweifelt gewesen, habe in ihrer Ausweglosigkeit das Liebste geopfert, hieß es im Urteil. Wie von Staatsanwalt und Verteidiger beantragt, sprach das Gericht die Mutter der Tötung auf Verlangen schuldig, weil es in Deutschland kein Recht auf aktive Sterbehilfe gibt. Die Richter sahen aber von der Verhängung einer Strafe ab.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben