Berlin : Das Mädchen und das Zahnweh

Christine-Felice Röhrs

Kleine Geschichten von oder über Menschen, die auf den Arzt warten – die erzählen wir hier jeden Montag. Heute: frühmorgens beim Zahnarzt in Prenzlauer Berg.

Man erwischt es noch am Ärmel, das Mädchen, als es aus dem Wartezimmer sausen will. Gerade hat es sich noch überschwänglich bedankt, die Sprechstundenhilfe umarmt und dem Arzt Blumen versprochen. „Meine Rettung waren Sie!“, hat das Mädchen gesagt. Die Schminke unter den Augen ist noch verwischt, die Augen sind rot vom Weinen. Der Mundwinkel hängt auch noch, von der Betäubung. Aber das ist alles, was geblieben ist von „der schlimmsten Nacht ihres Lebens“.

Sieben Stunden hatte sie auf den Arzt gewartet. Um Mitternacht hatte es angefangen, unten links, die Schmerzen zogen bis ins Ohr. Ihr Wohnzimmer wurde zum Wartezimmer. Immer im Kreis ist sie gegangen, stundenlang. Liegen ging nicht, schlafen ging nicht, die Nachtapotheke gab nur Pflanzliches raus, und die Gedanken wurden immer düsterer. „Oh Gott, ist mein Leben Scheiße“, dachte sie, der Chef ein Arsch, die Kollegen Mobber, das Projekt zum Scheitern verurteilt… „Mann, war ich unten“, sagt sie, „komisch, dass man das so schnell wieder vergessen kann.“ Jetzt geht sie feiern, mit Kuchen zum Frühstück, egal, was der für Löcher macht.

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