Berlin : Das Mädchen und die Videos

Das Schicksal von Anne Frank und das Leben junger Berliner von heute: Eine neue Ausstellung zeigt, was das miteinander zu tun hat

Moritz Honert

Barbara Rodbell ist nach ihrem ersten Rundgang durch die Ausstellungsräume beeindruckt. Eine Viertelstunde lang hat sich die 81-Jährige Videos angeschaut, in denen sich fünf Berliner Schüler mit unterschiedlichen familiären und religiösen Hintergründen Gedanken zu den Themen Identität, Krieg und Diskriminierung machen. Gegenübergestellt werden diese Zitate Ausschnitten aus dem Tagebuch von Anne Frank – der ehemaligen Schulfreundin von Barbara Rodbell.

Für die Eröffnung der neuen Dauerausstellung „Anne Frank. hier & heute“ im Anne-Frank-Zentrum in der Rosenthaler Straße ist sie am Donnerstag extra aus den USA angereist, so wie weitere Freunde und Verwandte von Anne Frank, darunter Mitschülerin Hannah Pick-Goslar aus Israel und Cousin Buddy Elias aus der Schweiz. Die Schau nennt Barbara Rodbell „einen Aufruf zur Menschlichkeit“.

Erklärtes Ziel der Ausstellung ist „ein Brückenschlag zwischen Geschichte und Gegenwart“, sagt der Direktor des Hauses, Thomas Heppener. Für ihn ist das weltberühmte Tagebuch des jüdischen Mädchens, das 1945 von den Nazis im Alter von 15 Jahren ermordet wurde, nicht nur ein „Symbol für den Holocaust, sondern auch das persönliche Zeugnis einer jungen Frau“.

Diese Sichtweise bietet den Aufhänger für die Ausstellung, die sich nicht mit der Darstellung von Anne Franks persönlichem Schicksal begnügen will. Neben den Fotos aus dem Leben der Anne Frank und zahlreichen Dokumenten zur Judenverfolgung stehen deshalb die Videos mit Jugendlichen von heute im Zentrum der Ausstellung. „Unser Leitgedanke war, dass die im Tagebuch angesprochenen Sorgen und Ängste auch Fragen der heutigen Jugend sind“, sagt Patrick Siegele, der die Ausstellung zusammen mit dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam konzipierte.

Eine dieser Jugendlichen ist die 13-jährige Esther Logvinon, die selbst schon Erfahrung mit Diskriminierung gemacht hat, wie sie erzählt. Seit ihr Bruder von Mitschülern verprügelt wurde, weil er aus einer jüdischen Familie stammt, trage sie ihren religiösen Schmuck nicht mehr. „Die Fragen von Anne Frank haben also heute noch Relevanz“, sagt der 18-jährige Jonel Lorenzen, der ebenfalls an der Video-Dokumention teilgenommen hat. „Auch wenn ihre Lebensumstände nicht mit unseren vergleichbar sind.“ Dass man Ausgrenzung und Verfolgung aber auch heute entschieden entgegentreten muss, davon ist er überzeugt.

Ein Unterschied zwischen damals und heute fällt Anne Franks Schulfreundin Barbara Rodbell allerdings auf: „Die Jugend von heute ist erwachsener, als wir es waren. Sie sind sich ihrer Umwelt und Verantwortung viel stärker bewusst.“

Dienstags bis sonntags 10 bis 20 Uhr, Anne-Frank-Zentrum Rosenthaler Straße 39, Mitte. Erwachsene 4 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Im Internet: www.annefrank.de

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