Berlin : Das Märchen vom Findelkind

Gastwirt, der angeblich ausgesetztes Baby zur Polizei brachte, hatte es zuvor bei einer Party der Mutter entführt

Werner Schmidt

Das Rätsel um den zwölf Monate alten Jungen von Bestensee ist geklärt. Das unterernährte und verwahrlost wirkende Baby war, wie berichtet, Sonntagmittag von einem Gastwirt aus der Nähe von Königs Wusterhausen zur Polizei gebracht worden. Dort hatte der 35-Jährige behauptet, dass Unbekannte das Kind vor seinem Lokal ausgesetzt hätten. Tatsächlich hatte der Wirt aus Brandenburg das Kleinkind jedoch am Sonntagvormittag selbst aus der Wohnung der 33-jährigen Mutter an der Landsberger Allee in Lichtenberg mitgenommen.

Dort hatten in der Nacht zu Sonntag sieben bis acht Personen, Freunde und Bekannte der 33-Jährigen, gefeiert und reichlich Alkohol konsumiert. Auch der 35-jährige Gastwirt war darunter. Als er am Vormittag gemeinsam mit einem Bekannten die Wohnung verließ, nahmen sie das Kind einfach mit. Weshalb, das ist nach Auskunft der Polizei noch ungeklärt. Möglicherweise wollten sie der Mutter damit klar machen, dass sie sich nicht ausreichend um das Baby kümmere. Die Frau hat zwei weitere Kinder, erzieht sie jedoch allein, sagte ein Berliner Polizeibeamter. Schon kurz nach dem Verschwinden ihres jüngsten Kindes hatte die Mutter Vermisstenanzeige erstattet. Ihre Freude darüber, den Kleinen wiederzuhaben, dürfte dadurch getrübt werden, dass auch sie mit einer Strafe rechnen muss: Gegen sie läuft nach Angaben der Berliner Polizei ein Ermittlungsverfahren wegen Vernachlässigung der Fürsorgepflicht.

Ob sich zusätzlich zur Polizei auch noch das Jugendamt Lichtenberg-Hohenschönhausen einschalten wird, steht noch nicht fest. Dort war der Fall gestern erst durch die Anfragen von Journalisten bekannt geworden. Die Polizei hat die Verantwortlichen im Bezirksamt bisher offenbar nicht informiert.

Als die Mutter ihr Baby als vermisst meldete, hatte die Polizei keine Anhaltspunkte, wo es sein könnte. Erst als der Gastwirt sich bei der Polizei meldete und diese bei den Vermisstenstellen im Umkreis nachfragte, führte die Spur schließlich nach Berlin.

Zu seinen Motiven äußerte sich der Restaurantbesitzer bisher nicht. Möglicherweise habe er nicht gewusst, was er mit dem Jungen anfangen solle und habe daher behauptet, er sei ausgesetzt worden, vermutete ein Beamter des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) am Montag. Warum er zur Polizei ging und nicht einfach die Mutter informierte und ihr das Kind zurückbrachte, ist nicht bekannt. Unklar ist auch, ob der 35-Jährige und sein Bekannter sich über die Tragweite ihres Handelns im Klaren waren. Beide wurden zwar festgenommen, aber noch am Sonntag wieder auf freien Fuß gesetzt. Es gebe keine Gründe, die Haftbefehle gegen die beiden rechtfertigten, sagte der LKA-Beamte. Auf jeden Fall werde gegen sie weiter wegen der Entziehung Minderjähriger ermittelt. Das Strafgesetzbuch sieht dafür eine Höchstfreiheitsstrafe von fünf Jahren vor.

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