Berlin : Das medizinische Wunder

Forscher nennen ihn den Berlin–Patienten. Er ist HIV-positiv. Die Viren sind kaum noch nachzuweisen. Obwohl er keine Pillen nimmt

Ingo Bach

Er ist eine medizinische Sensation. Aidsforscher in aller Welt würden sonst was geben, um einen Tropfen Blut von ihm zu bekommen. Viele Aidskranke haben von ihm gehört: Er ist der „Berlin-Patient“. Eine Legende, ein Mythos. Vor acht Jahren infizierte er sich mit HIV. Seit sieben Jahren schluckt er keine Pillen mehr. Trotzdem sind die Aids-Viren aus seinem Körper fast verschwunden.

Wir treffen uns in der Praxis seines behandelnden Arztes Heiko Jessen, mitten im schwulen Kiez Berlins rund um die Schöneberger Motzstraße. Die AidsSchwerpunktpraxis erstreckt sich über die ersten beiden Etagen des Altbaus. Hier fühlt sich der Berlin-Patient sicher genug, um mit einem Journalisten zu reden, das dritte Mal in acht Jahren. Das erste Mal war 1998, die „New York Times“ hatte eigens einen Redakteur über den Atlantik geschickt.

Die Praxis-Bibliothek. In den drei Meter hohen Regalen stapeln sich Ordner mit „Nature“, „Science“, „Lancet“ und anderen Fachzeitschriften. In vielen Ausgaben finden sich Artikel über ihn oder seine Geschichte. Sein Name aber taucht nirgendwo auf. Er will nicht durch die Talkshows gereicht werden. Man erfährt, dass er 36 Jahre alt ist. Beruf? „Kein Kommentar.“ Er will völlig anonym bleiben. Hunderte von Proberöhrchen Blut wurden ihm schon abgezapft und in alle Welt verschickt. In der Harvard-University haben sie ein paar, in Washington oder auch in Baltimore.

Wie schafft er es, HIV ohne Medikamente in Schach zu halten? Enthält sein Blut Abwehrstoffe, die das Virus zerstören oder es an seiner Vermehrung hindern? Sind seine Abwehrzellen immun gegen die Attacken? Die Forscher könnten so viel von ihm lernen, um anderen zu helfen. Wenn sie das Ganze nur verstünden. Aber auch nach sieben Jahren Forschung kann kein Wissenschaftler diese Frage beantworten. „Die müssten mich wohl zerschneiden, um das herauszufinden“, sagt der Berlin-Patient.

Er sitzt entspannt am riesigen Konferenztisch in der Bibliothek, wirkt noch schmächtiger als er es sowieso schon ist. Ein dunkler Bartschatten zieht sich um sein Kinn. Das modisch kurz geschorene Haar beginnt erst hoch über der Stirn. Während er erzählt, blitzen seine dunklen, grau-grünen Augen. Er lächelt oft.

Vor acht Jahren war der Berlin-Patient der erste, den das Virus nach der anfänglichen Attacke plötzlich in Frieden ließ. Etwas mehr als zehn Fälle, in der die Krankheit den gleichen Verlauf nahm, wurden inzwischen weltweit entdeckt.

Den Namen Berlin-Patient kreierten amerikanische Wissenschaftler 1997. Sie waren fasziniert von diesem außergewöhnlichen Sieg eines Menschen über einen Virus, das Millionen tötet. Normalerweise müssen Aids-Patienten ihr Leben lang Medikamente mit teilweise erheblichen Nebenwirkungen einnehmen. Wird die Therapie unterbrochen, kommt der Erreger sofort wieder aus seinen Verstecken und greift die Abwehrzellen an. Irgendwann bricht das Immunsystem zusammen. Der Infizierte hat Aids.

Beim Berlin-Patienten war alles anders. Entdeckt hat ihn sein Arzt Heiko Jessen. Am 22. Juni 1996 stand der Mann in seiner Praxis. „Frisch infiziert“, das heißt, die Ansteckung lag erst wenige Tage zurück. „Erst dachte ich, ich habe mir eine Grippe eingefangen“, sagt der Berlin-Patient. „Ich fühlte mich schlapp, hatte Fieber. An Aids habe ich da nicht gedacht.“ Sein Arzt dachte sofort daran, ließ einen Test machen. Drei Tage später saß sein Patient wieder vor ihm. „Mir ging’s viel besser und ich sagte zu Heiko: Jetzt bitte keine Hiobsbotschaft."

Den Wunsch konnte Jessen nicht erfüllen. Der Facharzt verschrieb sofort Medikamente, die damals für die Bekämpfung von HIV zur Verfügung standen. Jessen vertrat die Theorie, der frühest mögliche Therapiebeginn sei auch der erfolgreichste – und probierte Neues aus. Setzte eine Arznei ein, die zur Behandlung von Leberentzündungen gedacht war.

Ein paar Monate lang schluckte sein Patient die Medizin. „Ich hielt mich genau an den Stundenplan, was ich wann zu schlucken hatte. Ich bin sehr diszipliniert.“ Dann kam die entscheidende Unterbrechung: Wegen einer schweren Hepatitis musste der Patient die Anti-HIVTherapie für vier Wochen absetzen. Es hätte sonst gefährliche Komplikationen geben können. Dann geschah das Wunder. „Ich spürte, wie die Gesundheit in meinen Körper zurückkam“, sagt der Berlin-Patient. Ein Bauchgefühl, das den Sieg über Aids ankündigte.

Zwei befreundete Professoren aus Washington, die gemeinsam mit Jessen den ungewöhnlichen Fall untersuchten, stellten schon mal Schampus kalt, malten sich aus, wie Hollywood das Leben des mittlerweile weltberühmten Schützlings verfilmen würde. Warum? „Wir dachten, er ist der erste geheilte Aids-Patient der Welt“, sagt Jessen. Ein Irrtum. Wenige Viren sind noch da, versteckt im Lymphsystem. Doch sie vermehren sich nicht.

Obwohl ihm Jessen abriet, die Behandlung zu beenden, schmiss der Patient die Medikamente schließlich in die Tonne. „Am 24. Dezember 1996 – mein Weihnachtsgeschenk.“ Er denkt nicht mehr darüber nach, ob die Krankheit zurückkommen könnte. Für ihn steht fest: Es bleibt alles so. Er wird leben.

Aber Regeln gelten auch für ihn. Vorsichtig schaut er zu seinem neben ihm sitzenden Freund hinüber, den er seit drei Monaten kennt. Es fällt ihm schwer, über all das zu reden, also nutzt er das Interview, um seinen Freund aufzuklären. Der wusste bisher weder von der HIV-Infektion, noch, dass da ein Phänomen an seiner Seite sitzt. Könnte der Berlin-Patient seinen Partner anstecken? „Die Gefahr besteht“, sagt der Arzt. Auch wenn der Mann keine Pillen braucht. Kondome braucht er. Der Berlin-Patient nickt. Er weiß das ganz genau.

Regelmäßig geht er zur Nachkontrolle in Jessens Praxis. Das Wunder hält an. Ab und zu verschickt Jessen ein paar Blutproben an seine Kollegen. „In zwei Jahren haben wir das Rätsel bestimmt geknackt“, glaubt er.

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