Berlin : Das Mini-Kloster im ersten Stock

Zwei Männer haben ihren eigenen Orden gegründet – samt Kapelle und Café

Dirk Engelhardt

Ein Kloster mit Kapelle mitten in Schöneberg? Mit einem „Café der Stille“ und Zen-Meditationsraum? Dazu einem Angebot, das nicht nur Ökos und Liebhaber von gehaltvollen Klosterlikören zu schätzen wissen? Ein bisschen viel auf einmal, aber in der Crellestraße gibt es diesen Ort seit Kurzem. Das Ganze haben sich zwei in braune Kutten gewandete Herren ausgedacht, Bruder Frank Fuhg KME und Bruder Johannes Kirschner KME – die drei Buchstaben stehen für den Orden, nämlich „Kloster Meister Eckhart“. Der Dominikaner wurde 1260 geboren, musste ein Inquisitionsverfahren über sich ergehen lassen und starb schließlich 1328.

Mit einem traditionellen Kloster, wie es sich der ungläubige Berliner ausmalen könnte, hat die Unternehmung allerdings wenig zu tun. In den Verzeichnissen der katholischen Amtskirche taucht es folglich nicht auf, und Bischöfe oder andere Würdenträger werden wohl auch künftig nicht zu Stammgästen hier werden. Und dies, obwohl Bruder Johannes 1981 in der Hedwigskathedrale zum Priester geweiht wurde. Heute zählt er sich zur altkatholischen Kirche, die ihre Riten der frühchristlichen Kirche anpasst.

Die Räume fand 53-Jährige Bruder Johannes ganz zeitgemäß übers Internet. Im Erdgeschoss liegt das Café, wo es sowohl Milchkaffee, Kuchen, belegte Brötchen gibt, als auch kleine Gerichte wie Pasta oder Kartoffelsalat. Den Kartoffelsalat, den Klosterkuchen und die Schmalzbrötchen machen die Brüder selbst, die restlichen Waren kommen aus dem Bio-Laden oder der Bio-Bäckerei. Darauf legen die Brüder viel Wert, und dies kommt auch bei den ersten Kunden aus dem Kiez gut an.

Natürlich darf in einem Klostercafé auch Alkoholisches nicht fehlen, schließlich gibt es hervorragende klösterliche Likörmanufakturen und Brauereien. Eine Auswahl verschiedener Liköre steht schon im Regal, demnächst auch ein Klosterbier aus Bayern. Über die geschwungene Treppe geht es hinauf in das eigentliche Mini-Kloster. „Dort sind Wohnräume, die wir umfunktioniert haben“, schmunzelt Bruder Frank. Bis vor kurzem war das Projekt in einem Einfamilienhaus in Spandau beheimatet. Doch dort lief das Café eher schlecht als recht, weil die Lage nicht sehr günstig war.

An dem Eckhaus an der Crelles- Ecke Kolonnenstraße kommen viel mehr Menschen vorbei, und die morgendliche Zen-Meditation will immerhin bis zu einem halbes Dutzend Besucher miterleben.

Spätestens jetzt wird Besuchern klar, dass das Klostercafé-Projekt nicht viel mit christlichen Teestuben oder katholischen Betkapellen zu tun hat. In der halbrunden, großflächig verglasten Etage stehen Liegestühle bereit, durch die Fenster bietet sich ein Blick auf die Baustelle des Kaiser-Wilhelm-Platzes. „Café der Stille – bitte nicht sprechen“, steht auf selbst gemalten Schildern. Hinter Stoffbespannungen liegt der mit dicken Sitzkissen ausgelegte Meditationsbereich, wo jeden Tag um 9 Uhr und um 15 Uhr die Zazen-Meditation gehalten wird, die rund 25 Minuten dauert. Die leitet der 40-jährige Bruder Frank, das zweite Mitglied des Ordens-Duos. Bruder Frank lebte nach Extremsport und Leben im Kibbuz zwei Jahre lang bei den Trappisten, einem Schweigeorden.

Zur Kapelle der Religionen muss man zur Tür hinaus, sie befindet sich in einem angrenzenden Ladenlokal. Auf dem Boden steht ein blühender Weihnachtsstern, an den Wänden hängen die Symbole der Weltreligionen. Hier finden täglich drei Gebete statt, um 6 Uhr, um 12 Uhr und um 18 Uhr; dann schließt auch das Café. Ob Kloster Meister Eckhart vielleicht eine Art Sekte sei? Bruder Frank lächelt nachsichtig. „Was ist eine Sekte?“, fragt er dann zurück. Um gleich selber eine Antwort nachzuschieben – „eine Religionsgemeinschaft, die sich im alleinigen Besitz der religiösen Wahrheit wähnt? Dann müsste die katholische Kirche ja auch eine Sekte sein...“ Tatsächlich tut sich die katholische Kirche sehr schwer mit dem neuen interreligiösen Orden von Meister Eckhart.

„Orden“ und „Kloster“ sind keine geschützten Begriffe, wie Arnulf Salmen, Pressesprecher vom Haus der Orden in Bonn bestätigt. „Eine Definition für einen Orden gibt es nicht, und wenn es sich um keinen katholischen Orden handelt, ist er folglich nicht dem Kirchenrecht unterworfen und kann somit Mitglieder aufnehmen:“ Bruder Frank und Bruder Johannes versichern, ihr Kloster im Geist ihres Namenspatrons zu führen. „Soll das Herz Bereitschaft haben zum Allerhöchsten, so muss es auf einem reinen Nichts stehen... im Nichts liegt die größte Empfänglichkeit“, hat dieser einst verkündet. Auf dieser Basis kann jeder nach einer Probezeit im Kloster leben, sowohl Männer als auch Frauen. Spiritualität und Ökologie gehören für die Brüder unabdingbar zusammen, deshalb verzichten sie auf Kaffee, Zigaretten, Alkohol, Drogen, Fernsehen und Radio.

Noch decken die Einnahmen aus dem Café und Spenden nicht die Kosten. Doch „ein Kloster ist etwas Beständiges“, gibt sich Bruder Frank zuversichtlich.

Bio-Café und Klosterladen, Crellestraße 2, Schöneberg, Internetadresse: www.klostermeistereckhart.de

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