Berlin : Das Museum deutscher Integrationsbemühungen hat einen neuen Freund

Der Ausländerbeauftragte Günter Piening studierte in Kreuzberg, was man mit Migranten alles machen kann

Werner van Bebber

Wer es nicht gut meint mit Kreuzberg, der sagt nach dreißig Jahren Kreuzberger Ausländerpolitik: Genau so wollten wir es nicht. Kita-Gruppen, die zu 90 Prozent aus Migrantenkindern bestehen. Grundschulklassen, in denen noch zwei Kinder Deutsch sprechen. 55 Prozent Einwohner ohne deutschen Pass. Arbeitslosigkeit über 30 Prozent. Ganze Generationen junger Männer, die nicht mal die Hauptschule schaffen. Türkische Mittelstandsfamilien, die ihren Kindern die Kreuzberger Perspektivlosigkeit nicht zumuten wollen. Doch Günter Piening, der nicht mehr ganz so neue Ausländerbeauftragte, der jetzt Integrations- und Migrationsbeauftragter heißt, meint es gut mit Kreuzberg – das war ihm bei seiner Tour durch die Quartiere Kottbusser Tor und Wrangelkiez anzumerken. Er ging am Montag durch Kreuzberg, um die kleinteilige „Projektstruktur“ kennen zu lernen, dieses Netz aus Ideen und Bemühungen, das für jedes Problem die Lösung bereit hält – oder wenigstens den Versuch einer Lösung.

Kottbusser Tor und Wrangelkiez – das ist zweimal Quartiersmanagement als Therapieansatz. Die Quartiersmanagerinnen sind rüstige, nicht mehr ganz junge Frauen, die Piening durch ihre Kieze lotsen. Nach einem kurzen, hammerharten Briefing – „Es gibt Tage, wenn ich da draußen unterwegs bin, höre ich kaum einen kompletten deutschen Satz“ – geht es los: Nachbarschaftstreff Bizem, die Gründergalerie, die Qualifizierungseinrichtung „ISI“, immerhin seit zwölf Jahren im Geschäft der Weiterbildung von jungen und nicht mehr ganz jungen Frauen, die vielleicht irgendwann mal selbstständig werden. Zwischendurch eines der effektivsten Projekte zur Rettung der Betonburgen der GSW vor der totalen Verslummung:Die Hinterhöfe an der Adalbertstraße waren lange Dealer-Biotope. Dann kam jemand auf die Idee, die Tordurchfahrten dichtzumachen und „Concierges“ anzuvertrauen. Die gucken nun 24 Stunden am Tag, wer ins Haus will. Seitdem gehört der Hinterhof wieder den Kindern. Die aber machen den Quartiersmanagern auch Sorgen, deshalb gibt es „Kiez Aktiv“, wo beispielsweise die Künstlerin Susanne Dämmrich mit Kinder Hofwände bemalt. Im Wrangelkiez: das interkulturelle feministische Mädchenprojekt „Rabia“, dessen Managerin Margret Ensslin stolz berichtet, man verfüge jetzt über zwei reine Mädchen-Ballplätze. Wenn das Haus mal fertig ist, soll die Werkstatt unten im Mädchenhaus aber auch den Rentner aus der Nachbarschaft offen stehen.

„Generationsübergreifend“ macht man heute die Projekte. Dann noch das Kita–Projekt „Sprachförderung durch künstlerische Mittel“. Piening versucht, hinter dem Hagel der Details und Ideen das zu erkennen, was vielleicht wirklich Zukunft hat. Er glaubt an das Kleinteilige, an die Mini-Initiative, an das Netzwerk des guten Willens. An Kreuzberg, das glaubt er, werde sich entscheiden, ob die Integrationsbemühungen in Deutschland Zukunft haben – oder nicht. Das aktive Museum deutscher Ausländerpolitik hat einen neuen Freund gewonnen.

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