Berlin : Das Neue Jahr

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Da steht es, das Gesicht hinter einem Schleier verborgen, etwas unschlüssig, als sei es noch nicht aufgerufen. In der weiblich anmutenden Hand die Wartenummer 2006. Wir haben einen Termin, sag ich. Sie nickt und setzt sich auf ihren großen Rollkoffer – Porsche Design.

Ein Börsentipp denke ich, und ein Hinweis auf viele Reisen im nächsten Jahr. Da wird der Frenzel sich freuen. Aber wissen will ich genau, was sich hinter ihrem Schleier und im Koffer verbirgt. „Made in China“ steht drauf und als ich den Versuch mache, in ihre Augen zu sehen, strahlen mich zwei Schlitzaugen an. Ich hatte die von Angela erwartet. „2006 wild das chinesische Jahl“, flüstert sie. Nach Frankreich überholt der Koloss nun Großbritannien in der Wirtschaftsleistung. Brosamen dieses Aufstiegs fallen auch für die Deutschen ab. Sie produzieren und verkaufen immer mehr vor Ort, Logistikfirmen profitieren von weiter zunehmenden weltweiten Güterströmen und bei uns verdoppelt sich die Zahl der Studenten aus China auf 30 000!

„Und – wird Deutschland Weltmeister?“, frage ich neugierig. „Im Export ja,“ sagt sie. Und dann öffnet sie das Hemdenfach des Koffers: Elf verschwitzte Fußballer-Shirts. Und im Außenfach ein Ball, die flache Hülle ohne Luft!

Sie sieht die Enttäuschung in meinen Augen und will trösten. „Wirtschaftlich geht es in eurem Land wieder nach oben“, sagt sie. Kein hochprozentiges Wachstum, aber doch gut anderthalb Prozent. „Der DAX probt die 6000.“ Ängstlich schaut sie sich um, ob die Nummer 2007 schon wartet und hämisch dazu grinst. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt, und die Geburtenrate steigt spürbar. Wir sind eben Papst, denke ich bei mir.

Und Berlin? Amüsant wie immer, meint sie. Im Frühjahr tauft Klaus Wowereit die wiedereröffnete Ruine von Erichs Lampenladen „Palast des ungebrochenen Fortschrittsglaubens“, und im Herbst weiht er mit Matthias Platzeck eine weitere Behelfsbaracke zur Endlagerung der Planungsunterlagen für den Großflughafen Schönefeld ein. Also, es geschieht doch etwas!

Mit einem rätselhaften asiatischen Lächeln verschließt die Frau ihren Koffer wieder. Das Fach Terror, Krieg und Naturkatastrophen hat sie gar nicht erst geöffnet. Einen Satz sagt sie noch und verschwindet dann lautlos. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Sorgt doch endlich für bessere Wachstumsbedingungen!

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Das Neue Jahr ,

geboren am 1.1.2006 in Kanton. Lebt länger als die Fruchtfliege, hat aber nur etwa ein Hundertstel der

Lebenserwartung

eines neugeborenen

deutschen Mädchens.

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