Berlin : Das neue Kanzleramt: Annäherungsversuch

C.v.L.

Wie nähert sich der normale Bürger einem ungewöhnlichen Bauwerk, das er auf normalem Wege nicht betreten darf? Mit Respekt und notgedrungener Distanz. Sein Urteil über das Gebäude muss oberflächlich sein. Innere Werte lassen sich nur ahnen. Der Betrachter geht so dicht wie möglich an die neue Schaltzentrale der Macht heran und schaut durch die Gitterstäbe wie auf ein seltsames Tier.

Er starrt auf das, was hinter dem Zaun steht und sich bewegt, er betrachtet die letzten Bauarbeiter auf dem Hof des Hauses, von dem immer noch weithin unbekannt ist, dass er "Ehrenhof" heißt. Der Zuschauer am Zaun folgt mit seinen Augen den hellen Wänden und ihren seltsamen Formen, er blickt auf Säulen, die rostfarbene Plastik und den Rollrasen der Beete. Er stellt sich vor, wie der Kanzler da unten in wenigen Tagen schon Staatsgäste empfangen und da oben irgendwo arbeiten und wohnen wird, und oft kann er sich das gar nicht vorstellen - in dieser Gegend, die jahrzehntelang nur ein besserer Acker war.

Gespräche am Zaun: Jetzt erst, wo unter höchstem Zeitdruck der Fertigstellung entgegengefiebert wird, scheint das Kanzleramt wirklich ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt. So viele Zaungäste wie in diesen Tagen hat der Bau noch nie erlebt. Noch sind es mehr Berliner als Touristen, die sich der neuen Regierungszentrale nähern. Das Kanzleramt erfordert Ortskenntnis. Mit dem Rad aus dem Tiergarten ist es beson-ders gut zu erreichen, oder auch mit dem 100er Bus. So an die 200 Neugierige mögen es tagsüber stündlich sein, die zum Schauen herankommen, am Wochenende sind es mehr. Sie stehen an der Willy-Brandt-Straße vor dem Zaun des Ehrenhofs, oder vor der Absperrung unweit der Kongresshalle, vor der langen Front der Wintergärten. Grafik: Die Schaltzentrale der Macht Viele harren lange aus und fotografieren, manche schlendern nur mit kurzem Zwischenstopp vorbei. Wer von den Betrachtern nach seiner Meinung gefragt wird, sagt oft auf Anhieb, was er denkt. Mehr Leute aber nehmen sich Zeit zum Überlegen, scheuen sich vorm schnellen Wort. Allein das spricht für den Bau, der den Kritikern aus dem Volk bislang nur seine Hülle zeigt und deshalb ein Urteil nicht leicht macht. Je länger die Verweildauer vorm Haus, um so größer scheint die Chance, sich damit anzufreunden.

Als Rohbau traf das neue Kanzleramt der schlechte Ruf, kollossal, monumental und protzig zu sein. Das Bauwerk ist in den letzten Monaten nicht kleiner geworden, zeigt sich nun aber in heller und freund-licher Verpackung, von Pflanzen umgeben, und wirkt dadurch zierlicher. Auch jetzt schimpfen viele über den Protz und die Steuergelder, die dafür verschwendet worden seien.

Das in den Spreebogen gepflanzte Kanzler-Haus wird gern zum Anlass genom-men, über die ganze Politik zu schimpfen. Aber ist der erste Ärger verflogen, wird das Ungewöhnliche des Bauwerks doch gewür-digt. Mitununter stellt sich heraus, dass die Ablehnung gar nicht mehr so eindeutig ist.

Wem der Ehrenhof zu mächtig und gewaltig ist, dem gefallen wiederum die Seiten mit den verglasten Bürotrakten - oder umgekehrt. Gewöhnungsbedürftig ist ein Wort, das häufig zu hören ist. Aber dabei klingt an, dass da eben nichts Gewöhnliches entstanden ist, sondern aufregende Archi-tektur in einer aufregenden Umgebung. So Mancher stellt fest, dass beim direkten Blickkontakt alles gar nicht mehr so momumental ist, wie es in Filmen und auf Fotos wirken mag: Geradezu luftig sei der Bau, gutaussehend, einfach prächtig und irgendwie barock. Jemand meint, Ludwig der Vierzehnte könnte sich hier wohlfühlen, natürlich auch Helmut Kohl, der den Bau in Auftrag gab. Aber Schröder? Da klingt Mitgefühl durch.

Andere nennen das Bauwerk schön, nur stört sie der nackte Sichtbeton, der an Plattenbauten erinnert. Wird hier noch verputzt, fragen sie. Aber nein, es bleibt so wie es jetzt ist. Sehr viele Betrachter finden es anmaßend, dass der Reichstag im Vergleich zum neuen Kanzleramt plötzlich so klein wirkt. Es sind vor allem Touristen, denen das auffällt. Alle aber wollen das Haus wirklich einmal kennenlernen, nicht nur Zaungast sein. Wann gibt es einen Tag der offenen Tür, fragen sie. Das Bundes-kanzleramt, das von dem großen öffent-lichen Interesse an dem Neubau überrascht ist, denkt über Termine nach. Es ist mög-lich, dass sich für alle Besucher schon Ende Juni die Türen öffnen.

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