Berlin : Das neue Stadtviertel wird am Wochenende ein Jahr alt - und ist immer noch im Bau

Christian van Lessen

Herr Mustermann ist am Potsdamer Platz allgegenwärtig. Mal wohnt er hier, mal wohnt er dort, wenn man den Klingelaufschriften glaubt. In einem der Gebäude an der Eichhornstraße ist sein Name gleich neun Mal auf den Tasten an der Haustür zu sehen. Selbst auf der Klingeltaste des stahlgläsernen nagelneuen Mercedes-Benz-Bürohauses an der Linkstraße steht nur der eine Name: K. Mustermann. Das Viertel, auch Daimler-City genannt, wird am 2. Oktober offiziell ein Jahr alt; und wo Mustermann an der Klingeltaste steht, sind meist noch Wohnungen oder Büros frei.

An einigen Ecken des neuen Stadtteils wird so emsig gebaut, als stünde die Eröffnung erst bevor. An anderen Stellen wirkt das Viertel bereits in die Jahre gekommen, was sich vor allem am beanspruchten Pflaster und an den hochgewachsenen Bäumen in den Innenhöfen zeigt. Der Reiz des Neuen aber wirkt noch immer, Videokameras und Fotoapparate - so scheint es mitunter - hat fast jeder dritte Passant bei sich. Und beinahe jeder schaut hinauf auf die Hochhäuser und zählt die Stockwerke. Viele ortsfremde Betrachter glauben, dass der rote Klinkerbau schon einige Jahre auf dem Buckel hat.

Als "der Potsdamer Platz" vor einem Jahr mit großer Feier eröffnet wurde, war das Haus vergleichweise winzig. Damals fehlte es bei allen Lobeshymnen auf die neue Stadt aus einstiger Öde nicht an Unkenrufen der Skeptiker: Zu steril wirkten die Neubauten in ihrem erdfarbenen Terrakotta-Ton, zu abgetrennt das Areal, das wie eine Insel zwischen Landwehrkanal und Leipziger Platz aussieht. Ob sich Käufer und Mieter für die 600 Wohnungen fänden, sei fraglich. Ebenso, ob das debis-Gelände mit seinen 120 Fachgeschäften und mittlerweise 20 Restaurants von der Bevölkerung "angenommen" werde. Wer das Viertel aber durchwandert, kommt immer irgendwann in einen Menschenpulk. Rund 70 000 Besucher pro Werktag werden allein in den Arkaden gezählt. Die Geschäfte sind offenbar zufrieden, haben im ersten Jahr 250 Millionen Mark Umsatz gemacht. Die Eigentumswohnungen sind - trotz Mustermann - nach Auskunft von DaimlerChrysler alle verkauft, die Mietwohnungen zu 65 Prozent vergeben. Und noch immer fahren Baufahrzeuge durchs Gelände, stolpern Passanten hier und da über Steine, sind Straßen im Bau. An den letzten Büros im roten Klinkerhochhaus gegenüber dem Sony-Tower wird noch gearbeitet - erste Mieter ziehen im November ein, Restaurants im Hochhaus öffnen aber bereits Anfang nächsten Monats. Die Alte Potsdamer Straße soll mit ihrem letzten Stück an der Platzseite offiziell am 8. Oktober eröffnet werden, und den Büro-Etagen des umgebauten Hauses Huth siedelt sich am 11. Oktober die DaimlerChrysler-Konzernrepräsentanz an. Hinter dem Haus Huth wird dann auch der Fontane-Platz eröffnet.

Einzelne Passanten sind selten, meist wird das Terrain in Gruppen durchschritten. Von Touristen oder Schülern. Jugendliche bestimmen das Bild auf den Straßen, die Varian-Fry oder Vox oder Ludwig Beck heißen: Namen, die sich bis heute nicht eingeprägt haben, während der Marlene-Dietrich-Platz vor dem Musical-Theater oder der Spielbank zum Begriff wurde. Die Potsdamer-Platz-Arkaden, derzeit mit Ausstellungsstücken des Designers Luigi Colani geschmückt, sind das Herzstück. Auffallend ist, dass allein im Untergeschoss neun Schuh- und Bekleidungsgeschäfte in enger Nachbarschaft um Kunden buhlen. Es gibt umsatzschwache Tage zu Wochenbeginn, ab donnerstags aber blüht das Geschäft auf. Insgesamt gelten die Potsdamer-Platz-Arkaden als eines der erfolgreichsten Einzelhandelszentren Deutschlands, es soll eine Warteliste von fast 1000 Einzelhändlern geben.

Auch die Restaurants sind in der Regel gut besucht. Dass einiges im Viertel schon schief lief, lässt sich aber an einem Fensteraufkleber einer Bar ausmachen: "Neue Bewirtschaftung." Ein Blumenfilialgeschäft gab auf, aber das soll nicht am Standort gelegen haben. Die Fast-Food-Filiale am Marlene-Dietrich-Platz lief dagegen immer gut, ist mittags Treffpunkt Jugendlicher nach der Schule, und abends vorm Kinogang sowieso. Junge Leute sitzen oft auf den 27 Stufen der Treppe, die in einen Wohnhof führt, der auch als Treffpunkt dient. Überraschend hoch sind dort die Bäume gewachsen. Die Stufen zum Hof wurden aber mit der Zeit fleckig und unansehnlich, wie auch die Steine auf dem Platz vor dem Musical-Theater. Die flachen Stufen sind außerdem tückisch, Ortsfremde stolpern häufig. Inzwischen kleben gelbe Warnstreifen auf dem Pflaster.

Die Linkstraße - wegen der Bauarbeiten noch für kurze Zeit Sackgasse - liegt auf der Schattenseite des Viertels. Eine Tiefgaragenausfahrt mündet mitten in die Fahrbahn, was nicht ungefährlich aussieht. Einige Geschäfte der Arkaden reichen mit ihren Schaufenstern und Eingangstüren bis zur Linkstraße. Aber die Pforten sind verschlossen. Ein Geschäft mit Sportkleidung wirbt mit einem kleinen Zettel um Kundschaft: "Stopp! Preisnachlass!", schreibt aber gleich dazu: "Kein Eingang". Aber es kommen ohnehin kaum Passanten vorbei, die sich darüber wundern. Und Mustermanns ringsum wundern sich schon gar nicht.

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