Berlin : Das Oderbruch hat den Kanal voll

Proteste der Bewohner zeigen Wirkung: Mit Millionenaufwand wird das Entwässerungssystem repariert Trotzdem sind viele Keller in dem knapp unter dem Wasserspiegel liegenden Areal überflutet.

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Repariert. Die Entwässerungskanäle wurden seit den Zeiten Friedrich II. instand gehalten. Das änderte sich mit der Wende – bis das Hochwasser kam. Foto: dpa/Patrick Pleul
Repariert. Die Entwässerungskanäle wurden seit den Zeiten Friedrich II. instand gehalten. Das änderte sich mit der Wende – bis das...Foto: ZB

Golzow - Der nasse Sommer hat dem Oderbruch besonders zugesetzt: In zahlreichen Kellern steht das Wasser, genau wie auf Feldern und Wiesen. Doch die meisten der rund 20 000 Einwohner sehen es gelassen. „Uns hat zum Glück kein Binnenhochwasser heimgesucht“, sagte der Amtsdirektor der Großgemeinde Golzow, Lothar Ebert. „Einige der viele Jahre vernachlässigten Entwässerungsgräben funktionieren zum Glück wieder, und außerdem prasselte der Niederschlag nicht auf einen Schlag über uns nieder.“ Ebert gehört zu den Kommunalpolitikern, die sich am Donnerstag mit Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Linke) in Golzow trafen. „Unser öffentlicher Druck hat sich ausgezahlt.“

Tatsächlich wäre wohl ohne die Demonstrationen, die Straßensperrungen auf der wichtigen Bundesstraße 1 in Richtung Polen, die Petitionen an den Landtag und die angeschobene Debatte in den Medien nicht viel passiert. „Wir hatten das Gefühl, in Vergessenheit zu geraten und abgeschrieben zu werden“, meinte der Blumenhändler Frank Schütz aus Manschnow. So ist er froh, dass die Politik nach dem ersten Binnenhochwasser beschlossen hat, dem Oderbruch zu helfen.

Doch das kostet viel Geld. „Seit 2008 hat die Landesregierung 8,6 Millionen Euro in die Ertüchtigung der Entwässerungsgräben gesteckt“, teilte die Ministerin beim Treffen in Golzow mit. „Bis 2015 werden weitere sieben Millionen Euro folgen.“ Von den 85 Kilometer langen Hauptgräben befänden sich 25 Kilometer schon wieder im funktionierenden Zustand. Es sei „politischer Wille“, das Oderbruch als eine lebenswerte und vor allem bewohnbare Region zu erhalten.

Danach hatte es lange Zeit gar nicht ausgesehen. Das schon vor mehr als 250 Jahren unter dem Preußenkönig Friedrich II. bei der Trockenlegung des 60 Kilometer langen und bis zu 20 Kilometer breiten Gebietes angelegte Grabensystem funktionierte seit 1990 immer schlechter. Es verschwand unter Sträuchern und Bäumen, wurde mit Unrat zugeschüttet oder diente als Rad- und Wanderweg. Die Jahre mit trockenem oder normalem Wetter seien trügerisch gewesen, sagte der Wasserexperte Joachim Quast. „Bei 450 Millimeter Regen pro Jahr funktioniert auch alles wunderbar. Aber wenn wie 2010 und 2011 gleich 200 bis 300 Millimeter in drei Wochen fallen, braucht man die Entwässerungsgräben.“

Das Oderbruch sei schon immer vom ganzen Land alimentiert worden, erinnerte Quast. Seit der Zeit Friedrich II. bis zur Wiedervereinigung sei das aus wirtschaftlicher Sicht auch gerechtfertigt gewesen, weil die Landwirtschaft auf den fruchtbaren Böden gute Erträge erwirtschaftet habe. Seit 1990 aber spiele die Landwirtschaft keine große Rolle mehr, während das Oderbruch noch zu DDR- Zeiten als „Gemüsegarten Berlins“ funktioniert habe. „Deshalb suchen die Einwohner immer wieder nach Gründen, die Subventionen zu rechtfertigen“, sagt Professor Quast. „Die Idee aus Letschin, das Oderbruch ins Weltkulturerbe aufzunehmen, zeugt davon.“

Der Wasserfachmann sieht die Gefahr eines erneuten Binnenhochwassers noch längst nicht gebannt. Zum Glück fließe die Oder in diesem Jahr recht gemächlich dahin, so dass kein Grundwasser massenhaft in das rund einen Meter unter dem Wasserspiegel liegende Oderbruch drücke. Das könne sich aber schnell ändern, und bei starken Niederschlägen fließe das Wasser wieder verstärkt in Keller. Da die Tonschicht im Boden ein Versickern sehr erschwere, würden eben die Pumpen und die Gräben gebraucht.

Genau wie die Bürgermeister setzt auch Quast auf den öffentlichen Druck. „Zum Glück haben sich im Oderbruch sehr viele Berliner und Brandenburger Künstler angesiedelt, die ihre neue Heimat natürlich nicht aufgeben wollen“, meint Quast. „Deren Verbindung in die Landesregierung ist Gold wert.“

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