Berlin : Das offene Geheimnis

Am Jahrestag der Erstürmung von 1990 strömte das Volk erneut in die Lichtenberger Ruschestraße

Matthias Schlegel

Brigitte Brunk kann sich noch erinnern, dass hinten an der Gotlindstraße Kleingärten waren. Und die Normannenkirche stand noch. Aber die Stasi brauchte immer mehr Platz. Das Gelände wuchs proportional zum Misstrauen, das das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) den DDR-Bürgern entgegenbrachte. Am Ende waren zwischen den Straßengevierten Rusche-, Normannen-, Magdalenen- und Gotlindestraße in Lichtenberg Tag für Tag 18 000 Menschen damit befasst, das Volk auszukundschaften. Fünfmal so viel waren es in der gesamten DDR.

Brigitte Brunk ist Mitarbeiterin der Stasi-Unterlagenbehörde und steht an der Tür eines nüchternen Zimmers: Ein hässlicher, mit Holzfolie beklebter Schreibtisch, ein grüner Metall-Aktenschrank, ein Kleiderschrank. Das Radio dudelt das DDR-Vorzeigeduo Hauff/Henkler: „Auf die Bäume, ihr Affen, der Wald wird gefegt“. Hier, hinter undurchsichtigen Milchglas-Fenstern, vollbrachte der subalterne Stasi-Mann sein Tagwerk.

Es ist Tag der offenen Tür an der Normannenstraße, mit einem zweieinhalbstündigen Konzert von Wolf Biermann als Höhepunkt am Abend. Zwischen sein wohl bekanntestes Lied „Ermutigung“ am Anfang und ein Shakespeare-Sonett am Ende fügt er vor 500 begeisterten Zuhörern ein Stück seines vertonten Lebens – Abbild einer Diktaturerfahrung vom Auftrittsverbot 1965 über die Ausbürgerung 1976 bis zum Mauerfall 1989. Vor 15 Jahren beim Sturm auf die Stasi-Zentrale war auch Biermann dabei.

Marianne Birthler, Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde, nutzt den Tag, ihrer neuen Vorgesetzten, Kulturstaatsministerin Weiss, das Gelände zu zeigen. Und Weiss umgarnt Birthler mit der nachdrücklichen Botschaft, sie werde Sorge tragen, dass die Akten in dem „weltweit einzigartigen Archiv“ bewahrt bleiben.

Auf jenem Gelände, das vor 15 Jahren von aufgebrachten Demonstranten gestürmt wurde, geht heute alles in geordneten Bahnen ab. Gedränge gibt es in Haus I. In der zweiten Etage hatte Stasi-Chef Erich Mielke sein Büro. Das holzgetäfelte Zimmer mit den drei Telefonen und dem Stahlschrank hinter dem Schreibtischsessel zieht die Besucher an. Damals blieb es unangetastet. Wie sich überhaupt der Strom der Demonstranten vorrangig in die unwichtigsten Bereiche ergoss – Wirtschaftstrakt, Betriebskantine. Noch heute werden Legenden gestrickt, ob Geheimdienstleute die Massen gelenkt haben.

Überhaupt Legenden. Allerorts wabern sie am Tag der offenen Tür über die Flure, wispern durch einst streng bewachte Räume. Doch dann fördert die Podiumsdiskussion im Casino Erstaunliches zutage, das vor allem Licht in das Dunkel jenes Montagabend vor 15 Jahren bringt, als sich die Tore zum wohl bestbewachten Ort der DDR unter dem Druck der Tausenden Demonstranten öffneten. Drinnen, so erzählt Martin Montag, damals Pfarrer im thüringischen Zella Mehlis und Mitglied des dortigen Bürgerkomitees, hielten sich seit Stunden ein Dutzend Bürgerrechtler, Vertreter von Bürgerkomitees aus fast allen DDR-Bezirken, auf.

Sie hatten am Vormittag vergeblich versucht, am Zentralen Runden Tisch zu Wort zu kommen und die Auflösung der Staatssicherheit ultimativ zu fordern. Weil aber das Neue Forum für 17 Uhr zu der Protestdemonstration vor dem Stasi-Gelände aufgerufen und die Berliner aufgefordert hatte, Steine zum Vermauern der Eingänge mitzubringen, befürchteten die Bürgerkomitees eine Eskalation. Verwundert nehmen die Zuhörer im Casino zur Kenntnis, dass es an jenem entscheidenden Tag keinerlei Kommunikation zwischen den Bürgerkomitees und dem Demo-Veranstalter Neues Forum gab. Konkurrenz der Revolutionäre?

Die Bürgerkomitees verhandeln an jenem 15. Januar 1990 mit Polizei und Militärstaatsanwaltschaft über eine Sicherheitspartnerschaft und werden am frühen Nachmittag ohne Zögern in das Stasi-Machtzentrum eingelassen. Dann rücken draußen Zehntausende Demonstranten an, die Bürgerrechtler kommen in die Bredouille, es gibt keinerlei Kontakt zu denen jenseits der Mauern. „Einige von uns sind auf die Mauer gestiegen, um beruhigend auf die Leute draußen einzuwirken“, erzählt Montag. „Doch wir wurden nur als Stasi-Schweine beschimpft.“ Als die Bürgerrechtler drinnen fürchten, dass es Verletzte geben könnte, entschließen sie sich, die Tore öffnen zu lassen.

15 Jahre später pilgern Tausende gelöst durch die einstige Geheimdienstzentrale. Nur im fünfstöckigen Archiv mit den unüberschaubaren Aktenbeständen überwiegen die leisen Töne. Hier sind Repression und Beschnüffelung dokumentiert. Hier ist gelebtes Leben verzeichnet. Auch das der Besucher könnte darunter sein.

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