• Das Ohr im Knie - das Werk des österreichischen Architekten und Künstlers läßt die Zuschauer förmlich nach Klängen greifen

Berlin : Das Ohr im Knie - das Werk des österreichischen Architekten und Künstlers läßt die Zuschauer förmlich nach Klängen greifen

Elfi Kreis

Seinen Augen allein sollte man besser nicht trauen, jedenfalls nicht in der Berliner Akademie der Künste. Bernhard Leitner stellt dort derzeit unter dem Titel "doppelschalig wölben" aus, im Rahmen der Ausstellungsreihe "sehen und denken". Nur, nach gewölbten Schalen hält man zunächst vergeblich Ausschau. Stattdessen steht da ein Sessel in nüchternem Design, über dem zwei gekrümmte Eisenschienen frei im Raum hängen. Sie sind mit acht Lautsprechern besetzt. Die Installation des österreichischen Künstlers wirkt sachlich und schlicht: eine prosaische Apparatur, hinter der man kaum Aufsehenerregendes vermuten würde. Nimmt der Besucher aber erst auf dem Sitz Platz und wagt den akustischen Selbstversuch, kann er etwas erleben.

Klick, klick; plong, plong, plong . . . Hell perlen von links außen Töne heran. Sie scheinen Anlauf zu nehmen. Plötzlich steigen sie in einem Kreisbogen auf und über den Kopf hinweg. Bis zum Endspurt knapp vor dem Gipfel verlieren sie an Tempo, als wären sie außer Puste. Dann sausen sie beschleunigt die Rundung wieder hinab. Von rechts machen sich in Gegenrichtung ebenfalls Klänge auf den Weg. Ein metallisch harter Ton kommt in Fahrt, nimmt die Linkskurve. Rollt die andere Bogenseite hinab, um in kraftvoll betonten Schlußakzenten auszulaufen. Unwillkürlich versucht man dem Ton mit den Augen folgen, als wäre er ein vorbeifliegender Ball. Wie ein Zuschauer bei einem Tennismatch, schnell hin und her: links, rechts und zurück. Man spürt den absurden Drang, nach den Klängen zu greifen, so hautnah bewegen sie sich vorbei. Das Seltsamste aber ist: Man glaubt, die Töne körperlich zu spüren.

Mit dem Phänomen des Körperhörens hat Leitner besondere Erfahrung: "Man hört mit dem Knie besser als beispielsweise mit der Wade", merkt er schalkhaft an. Ein anderes Bonmot von ihm lautet: "Das Auge hört, und das Ohr hilft sehen." Wie Wellen schwappen die Töne bei seinem "Architektonischen Konzert" in der Akademie über dem Kopf des Besuchers zusammen. Mal läßt Leitner die Klänge auf ihren räumlichen Bahnen einander folgen. Dann starten sie parallel und kreuzen sich über dem Scheitel, genau in der Achse des eigenen Körpermittelpunkts. Der Besucher sitzt wie unter imaginären Schalen, einem offenen Gewölbe, das sich beständig neu aus Tonlinien baut. Leitner umschreibt mit Hilfe des Klangs immaterielle Räume. Er benutzt sein Material wie Baustoff, um skulpturale Räume zu errichten. Der eigene Körper wird dabei zum Resonanzkörper, zum akustischen Instrument.

Tatsächlich kommt der Österreicher von der Architektur. Zunächst studierte er das Fach in Wien zusammen mit urbanem Design. Seit 1968 experimentiert er mit der Synthese von Raum-Architektur-Klang. Erste laborartige Untersuchungen zum Körper-Hören unternahm er in seinem Atelier in den USA. Damals lehrte der spätere documenta-Teilnehmer noch an der New York University Architekturgeschichte, heute unterrichtet er in Wien. Zunächst entwickelte er skulpturale Sitz-, Steh- und Liegeobjekte: strenge, fast minimalistische Raum-Instrumente. Später schuf er komplexe Ton-Raum-Wege, Ton-Röhren, Ton-Würfel. Seit 1987 unterrichtet er in Wien eine Meisterklasse für Architektur. Während seines dreijährigen Berlin-Aufenthalts von 1984 bis 1987 entstand ein Ton-Raum für die Technische Universität. 1997 folgten für das "Atriumhaus" in der Friedrichstraße die "Raumquellen", bei denen er Wasser als Klangmaterial benutzte. Ein besonderes Schmankerl hält Bernhard Leitner für Berlin ab 22. Oktober bereit. Am Potsdamer Platz wird er auf der Baustelle der Hypovereinsbank seine "Ton-Architektur: sich weitend / schwebend / verdichtend / verklingend" realisieren.Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 26. September; täglich 10-19 Uhr. Leporello 5 Mark. Bernhard Leitner Sound: Space, Cantz Verlag, Ostfildern, 320 Seiten, 98 Mark. Installation "Ton-Architektur" auf der Baustelle Park Kolonnaden, HVB-Bank zwischen Gabriele-Tergit-Promenade und Köthener Straße, ab 22. Oktober bis 11. November, täglich 14-20 Uhr.

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