Berlin : Das Paar am Park

Ein Eckhaus in Pankow ist wie eine Skulptur gebaut und zeigt keine Kante. Es birgt edle Mietwohnungen.

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Ein Haus mit zwei Körpern. Sie schmiegen sich mit runden Rücken weich an die Biegung der Straße, wenden sich zum Schlosspark hin, als wollten sie mit den alten Bäumen sprechen. Stützen ihre glatten Leiber leicht auf einen gemeinsamen Bruchsteinsockel. Gut geerdet. Zwei, die in schöner Harmonie miteinander verbunden zwischen Pankower Gartenlandschaft und städtischer Bebauung Platz genommen haben, als seien sie eins geworden, ein liebendes Paar.

„Das sind sie ja auch“, sagt der Berliner Architekt Matthias Gorenflos und klappt seine Dokumentation zum Projekt Nummer 231 auf. Das edle Mietshaus, das sein Büro im Auftrag eines privaten Bauherrn von Juni 2010 bis Frühjahr 2011 in Niederschönhausen realisiert hat, sollte nicht rundherum Kante zeigen wie die meisten der Nachbarneubauten, sollte das Eckgrundstück, das so hübsch von Baumriesen und Parkwiesen eingerahmt wird, nicht zustellen. Aber: Wie es perfekt positionieren? „Mir kam jene Skulptur eines etruskischen Paars von 520 vor Christus in den Sinn, ein Grabmal. Die beiden sitzen genau so hintereinander, die Frau etwas kleiner vor dem Mann, beide sehen in die gleiche Richtung, stützen die angewinkelten Arme leicht auf einen Sockel . . .“

So erhielt das Haus Majakowskiring 71 weiche, fast menschliche Formen. Und es sollte auch sonst alles tun, damit Menschen sich darin wohlfühlen. Nun birgt es sieben sehr großzügige Maisonette-Wohnungen von 125 bis 205 Quadratmetern, jede mit eigenem Garten oder geräumiger Terrasse. „Familienwohnungen“, sagt Matthias Gorenflos. Die wollte der Bauherr von Anfang an haben, und ausschließlich an Familien wurde auch vermietet. Junge Paare wohnen hier, mittlerweile acht Kinder. Doch jeder Mieter, der das Gebäude durch den gemeinsamen Zugang an der Nordseite betritt, hat, noch ehe er die hohe, weiße Tür zu seiner Wohnung schließt, den Eindruck, er betrete ein eigenes Haus im Grünen.

Das liegt zum Beispiel daran, dass der Hausflur keiner im üblichen Sinne ist, sondern eine weiße Raumskulptur mit schlanker Treppe, schwarzem Eichenholz-Handlauf, bambusbelegten Stufen und Oberlichtern, die den Himmel hereinlassen. Gleich hinterm Eingang sagen eine Bank und Briefkästen aus Bambus gegenüber einem raumhohen Spiegel guten Tag. Drinnen auf der ersten Ebene ein riesiger Raum, dessen Außenwand dem Schwung des Hausrückens folgt, aufgebrochen durch ein langes Fensterband: das Wohnzimmer mit Kamin, Essbereich, offener Küche, daneben Garten oder Dachterrasse. Eine Etage darüber die privateren Räume: Schlaf-, Kinderzimmer und Bäder mit schlanken Waschbecken, verspiegelten, indirekt beleuchteten Einbauschränken und einer Wand aus grünem Marmor, weil die dem nackten Körper, der sich aus der Wanne erhebt, schmeichelt. Ein Neubau fast mit Altbaumaßen: 2,93 Meter Deckenhöhe.

Trotz des Halbrunds ist an Stellwände gedacht, an kleinere Zimmer und Hauswirtschaftsräume. Die Fenster, innen Holz, außen Metall, öffnen nach draußen. Im Tiefgeschoss produziert ein Blockheizkraftwerk Strom und Wärme. Wegen des hochstehenden Grundwassers verzichtete Gorenflos auf die Unterkellerung. Abstellraum bietet ein holzverschalter „Schuppen“. Der wirkt wie eine langgestreckte Skulptur, die ihr kleines Pendant am Eingangstor findet; das gleiche Holz kaschiert die Müllstation.

Die Wohnungen bieten Rundumblick: auf die klassizistische Villa, die jetzt zur chinesischen Botschaft gehört, auf den Park und auf Nachbarhäuser. Auf jene Gegend, in der einst DDR-Bonzen ihre Eigenheime hatten und in der jetzt, mit all den jüngst gebauten Mehrfamilienhäusern, eine neue Stimmung schwingt.

Eine der größten Stärken der Anlage ist vielleicht, dass sie keine starren Grenzen setzt, sich mit der Natur rundherum verbündet. Halbhohe Hecken statt Jägerzaun, wuchernde Stauden statt abgezirkelter Beete, sandfarbener Putz auf Mauerstein. Am plätschernden Kreuzgraben, der zur Panke führt, endet das Grundstück eigentlich zum öffentlichen Parkraum hin. Doch der Architekt hat den Übergang offen gelassen, das Bächlein tut, als gehöre es zum Haus, Wiese grenzt an Wiese, die Baumriesen hinterm Haus haben direkte Nachbarn im Schlosspark. Blickte man von oben auf das Doppelhaus, würde man den Umriss zweier nebeneinander liegenden Lindenblätter erkennen. Eine perfekte Symbiose.

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