Berlin : Das Paradies der Leere - Emio Grecos "Fra Cervello e Movimento"

Norbert Servos

Mit einem gewaltigen Trommelwirbel beginnt das Stück. Lichtblitze zucken und geben nur für kurze Momente den Blick frei auf die zwei Männer, die ruhig und unbeweglich vor einer Wand stehen: gleich groß, beide kahlköpfig, in den gleichen hautengen Kleidern. Es scheint, als könne das akustische Gewitter die beiden Buddhisten kaum erschüttern. Und kaum kann man sagen, was hier gerade beginnt: Höllen- oder Himmelfahrt? Oder ist es schlichtweg ein Sturz zur Erde, in die Wirklichkeit? Wenn das Licht sich beruhigt hat, finden sich die beiden in einem goldenen Raum wieder - ein leeres Paradies, ein Ort der Selbstbegegnung. Unendlich langsam beginnt der eine, den Raum um sich mit Händen un Füßen zu erkunden. Allmählich bewegt er sich so auf den Partner zu.

"Extra Dry" heißt der letzte Teil der Trilogie "Fra Cervello e Movimento", die Emio Greco gemeinsam mit Pieter C. Scholten entwickelt hat und den er zusammen mit Andy Deneys aufführt. Es ist der Abschluss einer eigenwilligen Untersuchung über das Verhältnis von Geist und Leib, der im letzten Jahr die Soli "Rosso" und "Bianco" vorausgingen. Auch dieser Teil lässt alle Arten der Assoziation zu. Mal wirkt er wie ein vogelhafter Balztanz, mal wie ein rivalisierender Streit. Greco nimmt die Haltung eines Sehers ein, der von seinen Visionen überwältigt wird. Immer wieder wandert der Blick der beiden himmelwärts. Tonlos bewegen sich die Lippen wie in einem unhörbaren Selbstgespräch. "Wir glauben nicht, dass es sich um einen Krieg handelt, wir betrachten es eher als einen Konflikt", schreiben Greco und Scholten zu ihrer Arbeit.

Aus diesem Konflikt heraus, mag er innerlich oder äußerlich sein, lässt sich das Verhältnis von Geist und Leib erst neu bestimmen. Der eine beleuchtet den anderen - das gilt genauso für die beiden Tänzer, die sich meist synchron bewegen. An der hinteren Wand beginnend, tasten sie sich vor, erobern sich Weite und bringen den Konflikt näher und näher an das Publikum heran. Allmählich beschleunigt sich die Choreografie, steigert sich zu einer Apotheose aus akkuraten Zirkelschlägen. In Wellenbewegungen durch den Raum wandernd spült das Licht (Henk Danner) sie an die Rampenkante und zeigt sie verletzbar. Doch als sie den Raum verlassen wollen, werden sie von unsichtbarer Hand zurückgeworfen. Aus einer langen Stille heraus beginnen sie erneut ihren Weg. Sich verausgabend dringen die Akteure zu einer gleichsam reinen Physikalität vor. Am Schluss stehen sie wieder an der Rampe - in Stille. Nur ihr keuchender Atem ist zu hören, die durchschwitzten Kleider sind durchsichtig geworden. Auch der Raum, von hinten beleuchtet, wird nun transparent. Sie sind angekommen. Greco und Scholten nehmen die Position von Mystikern ein. Erst in völliger Hingabe, einer gezielt geübten Aufgabe des eigenen Ichs erreicht man den Durchbruch. Eine andere Ankunft in der Welt.Zum letzten Mal am 21. August, Theater am Halleschen Ufer, 22 Uhr.

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