• Das Parlament ist in Berlin, die Telefonzentrale in Bonn - ein paar Kuriositäten des Regierungsumzugs

Berlin : Das Parlament ist in Berlin, die Telefonzentrale in Bonn - ein paar Kuriositäten des Regierungsumzugs

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Die Nummer des neuen Bundestages im Reichstagsgebäude ist denkbar einfach: 227-0. Der geduldige Anrufer bekommt irgendwann Kontakt zu einer freundlichen weiblichen Stimme. Die hat einen leicht Köllschen Touch und gibt - sehr zuvorkommend - Auskunft über die aktuelle Wetterlage: neblig trüb. Damit hat sie sich verraten. Sie schaut nicht aus dem Reichstag in Berlin, sondern aus dem Langen Eugen in Bonn. Die Telefonzentrale des Bundestages ist am Rhein verblieben und vermittelt den Großteil der ankommenden Gespräche.

"Ein Chaos", sagt eine der Damen. Jeder habe 20 Anrufer in der Warteschleife. "Dat zieht sisch dann in die Länge, nä." Aber auch das kann ihre gute Laune nicht trüben. Bundesbehörden und Verfassungsorgane in Bonn und Berlin sind durch ein leistungsfähiges Glasfaserkabel miteinander verbunden. Das Telefonieren von einem Standort zum anderen verläuft quasi behördenintern. Wer von außen anruft, zahlt den Ortstarif, egal, ob er eine Stelle in Berlin oder Bonn anruft. Nur Ahnungslose wählen weiterhin die Bonner Vorwahl 0228 und zahlen drauf.

Das Telefonieren ist nur eine der vielen Kuriositäten des Regierungsumzugs. Nahezu die gesamte Verwaltung des Bundestages ist erstmal in Bonn geblieben, weil die neuen Residenzen - besonders Alsen- und Luisenblock am Reichstag - viel später fertig werden als geplant. Das betrifft auch die Bundestags-Bibliothek. Wenn in Berlin ein Buch geordert wird, muss es mühsam aus Bonn herbeigeschafft werden.

Die Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten erholen sich nach vier Wochen langsam vom Umzugschaos. Sie wurden als Vorauskommando an die Spree geschickt und mussten anfänglich auf dem blanken Fußboden telefonieren, wie ein Leidtragender erzählt. Im Rosmarincarée an der Friedrichstraße blühte wochenlang der Tauschhandel: Regale gegen Garderobenschränke. "Wir konnten die Akten nicht ausräumen, weil Regale fehlten", sagt Stefan Krüppel, Mitarbeiter im Büro von CDU-Abgeordneten Reinhard Freiherr von Schorlemmer. Sein Chef, Vorsitzender des niedersächsischen Landesgruppe, erhielt keine Online-Verbindung zu seiner Fraktion. "Er musste sich erst persönlich beschweren", so Krüppel.

Auch die Hauspost verlor durch den Umzug arg an Tempo. Statt eines Tages brauchte ein Brief eine ganze Woche, um von A nach B zu gelangen. "Das Personal musste sich erst einüben", sagt Umzugslogistiker Friedhelm Maier. Inzwischen seien die Rückstände abgearbeitet. So bekommen die Abgeordneten inzwischen wenigstens ihre Post - auch wenn sie noch nicht wissen, wo sie sie ablegen sollen.

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